Brenz, Johannes – An den Rath zu Hall (Anfang Octobers 1530.)

Brenz, Johannes – An den Rath zu Hall (Anfang Octobers 1530.)

Vest Erbar weys und fursichtig Hern. Ich hab die nottel des tagen Augspurgischen Abschieds widerumb ubersehen, und nachdem E. W. zuwussen begert, warin und in welchen stucken derselb abschied antzunemen beswerlich, Auch was daruff vor kay. M. raglicher weys zu handeln sey: So gib Ich e. w. hiruff undertheniglich zuversten, das gleich wie under einem hauffen erbarer biderlewt zweyerlai parthey in des glaubens sachen erfunden, Also mag auch die beswerd des abschieds zweyerlai weys angelogen werden.

Etlich seyen in des glaubens sacheu verstendig und entpfinden in jrm gewussen auss dem gotlichen wort, das die itzig predig des Evangeliums recht und warhaftig ist, und disse mogen die beswerd des Abschieds auf gotlich weys von artickel zu artickel, wie es auffs kortzist hernach folgt, anziehen.

Ich wil ytz geschweygen der vorred und Narration kay. M. darb sein M. erzelt, das die bekantnus des glaubens den protestirenden Stenden durch die heiligen Evangelia und schriften widerlegt nd abgeleint sei worden, welohs einem verstendigen Cristen zubewilligen oder helffen zuversigeln und bestetigen gantz beswerlich wt . N mlich so kay. M. die gegenantwort der protestirenden Stend, so in hailiger gotlicher geschrift wol gegrundt ist, gantz aussgeslagen und keins wegs hat annemen wollen. Das dan nichts anderst ist, dan on ordenlich gericht und verhor verdamen. Aber die artickel wil Ich fur die hand nemen und auffs kurtzist die beswerd darin antzaigen.

Zum ersten wurdt gesagt, das die Cristenlich kirch auss einsprechung des hailigen gaists und guten ursachen heilsamlich geordnet hab, das einem Jden Cristen lichen menschen das hochwirdig Sacrament allein under der gestalt des brots gereicht werden sol etc. Das ist so beswerlich antzunemen, zu bewilligen und helffen handtzuhaben, das darmit der hailig gaist geschmecht und gelestert wurt. Es hat ye Crittus unser her das Sacrament in baiderlai gestalt auss dem hailigen gaist eingesetzt. So ist die schrift, die da sagt: Trinckent all daruss, auss angeben des hailigen gaists geschriben. Darumb welcher die verendrung diser einsatzung on ausstrucklich gotlich wort dem hailigen gaist zuschreybt, der lestert den hailigen gaist und ruft jn fur ein lugner auss, als der da in seinen worten unbestendig sey und heut weys, morgen schwartz rede. Wan man nu disses wolt nach der leng auflmutzen, wie es mit der warhait geschehen mocht, so wurd man darhinder so vil beschwerd finden, das sich ein Cristenlich hertz darvor entsetzen wurd und freylich ehe den todt leiden, dan darin bewilligen und bekennen.

Zum andern die gemein und sondere messen betreffend: wiewol die Layen kein mess halten, so ist doch das einem Cristenlichenlayen gantz beswerlich, das Er sol verwilligen und helffen zwingen die mess zuhalten, die gewisslich seyen ein lesterung des leidens unsers hern Jesu Cristi. Dan das einig opfer unsers Hern Cristi, so einmal am Creutz geschehen, ist ein gnugthonung fur unser sund. So stets aber in den beyden Canon der Mess, das der Mess opfer der lebendigen und todten sund hinweg nem: was ist das anderst dan Cristum verstossen und das werck der mess an sein etat setzen? Es ginge wol hin und wer leidenlich, das man das messgewandt anthet und etlich ander Ceremonien, auch gesang und gebet in der Mess hielte; Aber zubewilligen, dass die mess allermassen ja wie bissher under dem Bapstum geschehen gehalten werd, das hiess Cristum verleugnen und die Mess fur Cristum erkennen.

Zum dritten mocht der kinder firmung an jm selbs wol gedult werden. So ligt auch nit vil an der Olung, so man sie an jr selbs bedenkt. Aber da ligt die beswerd: die Olung ist gebraucht worden fur verzeihung und ableinung der Sund, und wurt ytz gebotten allermass wie bissher zuhalten. So man nu darin bewilligt, wurd man abermal in ein lesterung des leidens Jesu Cristi, das allein die sund abnimpt, verwilligen.

Zum vierdten des freyen willens und des blossen glaubens halb wer wol ein mitel zutreffen; Aber wie es die Schuller geschriben und der artickel des abschieds gemeint, so wurdt darmit der gnad Gottes jr ere und dem glauben sein gerechtikait enzogen. Dan sovil man dem freyen willen zulegt, sovil benimpt man der gnad Gottes, und sovil man gerechtikait den wercken zugibt, sovil nimpt man sie dem glauben, So doch geschrib stet: der mensch wurt gerecht auss dem glauben on die werck des gesatz lauter vergebens. Darumb in disse artickel zubewilligen, wan mans recht wil aussrechen, so ist nichts dan die gnad Gottes und den glauben verleugnen. Zum funfften, Was fur beschwerd eins Cristen gewussens daruff sthee, wan er zwingen sol, all alte Ceremonien wider auffzurichten und die verdichte prister, als hetten sie wider Got gehandelt, des lands vertreiben etc., Bedarff nit vil wort. Ein igklicher verstendiger kan es selbs wol bedencken.

Und in Summa: Ein Gotsforchtiger Crist, der seines glaubens gewissen grund und verstand hat, mag wol leiden on seins gewussens nachtail, das kay. M. auch andere Curfursten und fursten den alten glauben, wie sie jn nennen, halte. Es mag doch ein Crist wol leiden, das ein ander ein Jud oder Turck sey, das bringt -einem gewussen kein nachtail. Aber sich in den Ob erzelten stucken mit kay. M. Curf. und fursten (wie die wort des abschieds lauten) vereinigen und vergleichen, auch dasselb mit eignem Insigel bestetigen, Das kan und mag mit gutem gewussen vor Got on Nachtail der sel selikait nicht geschehen. Unnd das ist dieGotlich weys, darmit sich ein verstendiger Crist des Abschieds billich beschwern muss.

Dargegen sein etlich frum erber Biderlewt vor der welt und sein doch einfeltig und ungelert layen, Sehen wol die sach gern gut, versten sich aber nit vil weder in dem alten noch in dem newen glauben. Wiewol nu diss.e die vorgend gotlich weys der beswerd weder glauben noch versten, Jdoch wil jnen als vernufftig Biderlewten auch nit geburn, in dissen beswerlichen abschied zuTerwilligen und mogen die beswerd weltlicher weys bedenken and anziehen, also:

Zum ersten. Der handel des glaubens, so itz im zwispalt, ist hoch wichtig und treffenlich, und furnemlich ubertritt er gar nahe in den aller hochsten artickeln den geringen verstand eines ungelerten einfeltigen Laven. Man disputirt von dem Canon in der mess, so weys laider der einfeltig lay nicht, was Canon heisst . Man disputirt von der gerechtikait des glaubens, Ob die frumckait allein dem glauben oder auch den wercken zuzeschreyben sey. Disse disputation gibt auch den hocherleuchten Cristen zuschaffen, wil geschweygen dem einfeltigen layen. Man handelt vom freyen willen. Es ist aber kaum muglich, das ein einfeltiger disen handel wie man in der schul by den gelerten darvon redt, versten moge. Man handelt von Sacramenten: es solten aber die einfeltigen layen wol nit wussen, was doch das Sacrament zu deutsch hiess. Und derglychen artickel sein vil, darob sich der zwispalt des glaubens erhept hat .

Solt nu ein Erbarer frumer biderman bewilligen, verjehen und bekennen, das Er in warhait selbs nit verstet, und solt dartzu helffen die andern zwingen, demselben von jm selbs unverstandenen glauben anzuhangen, oder wo es sie nit thon wolten, sie helffen verfolgen, vertreiben, verjagen, erwurgen und erslagen: wie kont es doch ein Redlicher man, ob er schon sunst an got nit glaupt, uber sein hertz bringen?

Zum andern, so hat kay. M. ein ableinung der protestirenden Stend bekantnus gethon und sagt frey, Es sey mit dem hauigen Evangelion und der schrift abgelaint, haben doch die selbe ablainung wenig person gehort . Wie wolt es sich dan einem vernufftigen weysen man gezimen, das Er ein solichs verwilligt und mit Beinern aigen Insigel bestetigt, das Er nit gehort noch gewusst, und ob ers schon gehort, nit verstunde. Man sagt wol, das man kay. M. hirin vertrawen sol, Jr M. werd niemants verfurn. Das mag man wol gut lassen sein, wan kay. M. in jrm weltlichen ampt bleipt und darin handelt . Aber wan sich sein M. des glaubens sachen annimpt, so stet geschriben: Man sol auch keinem Engel vom himel herab trawen, Er sag dan das recht Evangelion. Und wil die sach des glaubens und der seeln auff kein menschen sondern allein uff Gottes wort vertrawt sein.

Zum dritten die zwispalt des glaubens gehoren ordeulich zu eins Concilii entschiedung. So beruffen sich auch die protestirende Stend auff ein Concilium. Solt nu ein Biderman in den itzigen Abschied verwilligen: was thet Er anders, dan das er unordenlich hilff beschliessen, das ordenlich zum beschluss eines Concilii gehort, und das were nichts anderst, dan on ordenlich urtail and Recht verdamen. Und das seyen einem vernufftigen man grosse beswerd, das er ein unverstandenen handel unverhort sol helffen verdamen und die leut, wo es datzu kem, erslagea.

Dieweyl nu, Gunstig lieben Hern, kay. M. der protestirenden Stend verantwurtung nit hat wollen annemen, Sonder gesagt, man sey nit hie von Disputirens wegen, so kan Ich wol erachten, wan schon E. W. die beswerd, so oben gotlicher weys erzelet seyen, vor kay. M. furwendet, sie wurden ein gering ansehens haben.

Dartzu so ist die versamlung Ewer erbaren weysshait ungleich. Ich bit aber E. W. wolle mir disses gunstlich verzeyhen. Dan sol Ich mein gutbeduncken sagen, so muss Ichs on ansehen der person thun, Und hat dise meynung. Ich gedenck, es seyen wol etlich ander e. w. versamlung, die in des glaubens sachen verstendig und in jrm gewissen entpfinden, das die itzig predig des Evangeliums recht und wahrhaftig sey, und so disse allein erfordert wurden, so geburt es jnen nach gotlicher weys die beswerd des abschieds zubekennen. Ich gedenk auch, das etlich darunder seyen, so die ßach ernstlich gut meinen, seyen dartzu redlich und erbar, vernufftig biderleut, Jdoch haben sie kein grundtlichen verstand, bericht und wussenhait diser hochwichtigen sach. Darumb so ye kay. M. wussen wolt, warin doch e. w. diser abschied beswerlich anzunemen sey, bedunckt mich, es wer ytzemal gnug gethon, das E. W. die weltlichen beswerd furwendt und kay. M. anzaigte, das e. w. bisshieher in den kirchen Ceremonien fur sich selbs nichts verendert oder abgethon, Sonder den gantzen handel als einfeltig ungeiert leyen nie underfangen wusten oder kondten sich auch noch nit all erinnern, welch parthey recht hat: Und ob sie wol mancherlai horten von diser oder jhenner parthey, nach dem ein igklicher sein meynung auff das best furbrecht, So kundten sie doch alle darin nach jrm einfeltigen verstand nichtz beschlusslichs urtailn. Dieweyl dan der abschied auff die ander parthey entlich besleusst, und sie der sach gantz unverstendig, So sey jnen beswerlich, vor ordenlichem entschied eins Conciliums darein zuwilligen und ein unverstanden handel helffen znvolstrecken. Aber seiner M. gebot dise handlung des glaubens betreffendt kondte e. w. und ob sie es schon kont, wolte sie doch als gehorsam underthon nit mit einkherlai gewalt verhindern, Sonder on jr zuthon, hilff oder verwilligung in jrm gebiet fur sich selbs on gewaltig Intrag fort gen lassen. Erbar, weys and gunstig hern. Das ist kurtzlich in diser handlung mein meynung, guter zuversicht, So e. w. dises oder dergleichen billich mitel mit anruffung gotlicher gnad und hilff, orx welche aller menschen Ratsleg und klughait vergebens ist, fur die hand neme, der Her unser Got werde uns wol durch wunderbarlich weys on versehens auss disser anfechtung und versuchung erredten.

E. W. undertheniger und gehorsamer

Johan prentz, Prediger.

Quelle:
Anecdota Brentiana Ungedruckte Briefe und Bedenken von Johannes Brenz. Gesammelt und herausgegeben von Dr. Th. Pressel, Archidiaconus in Tübingen. Tübingen, 1868. Verlag von J.J. Heckenhauer.

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