Luther, Martin – An Johann Brenz, nach Augsburg. 1530

Luther, Martin – An Johann Brenz, nach Augsburg. 1530

Gnad und Fried in Christo. Lieber Herr Brenz!

Ich vermerke aus Eurem, auch Philippi und der Andern Briefen, daß auch Ihr in der Versammlung der Abgötter allzusehr Euch bekümmert. Ich kann aber wohl denken, daß Euch das Exempel Philippi dazu beweget; denn er sorget ängstlich für gemeinen Fried und Ruhe, das wohl christlich ist, aber es ist kein weislicher Eifer. Was lässet er sich doch dünken? Meinet er, daß unsre Vorfahren mit ihrer Sorge und Kummer zu wege bracht haben, daß wir itzund leben und also sind? weil doch solchs alles geschieht durch die Fürsicht Gottes, der auch nach uns seyn wird ein Schöpfer, wie Er vor uns ist gewesen, und noch heutiges Tags bei uns ist. Denn Er wird mit uns nicht sterben, oder aufhören Gott zu seyn, der auch die Gedanken regieret.

Der Priester Eli ließ sich bedünken, das Königreich Israel wäre ganz zerfallen, weil die Philister die Lade des Herr gefangen hatten; derhalben fiel er billig selbst um, und das Königreich Israel fieng da erst an zu grünen. Also auch, als Saul umkam, wer hätte da anders denken mögen, denn, es wäre ganz aus mit dem Reich Israel? Da die Papisten Johannem Huß verbrannt hatten zu Costnitz, da war bei ihnen nichts gewissers, denn, der Pabst würde nun gar Gott werden, und er ist doch nie so verachtet gewesen, als nach derselben Zeit.

Solches schreib ich Euch und den Andern, ob vielleicht Philippus durch euer Wort möcht bewogen werden, daß er aufhörete, und sich nicht weiter unterstünde, ein Regierer der Welt zu werden, das ist, sich selbst zu kreuzigen. Für meine Person, komm ich um oder werd‘ erschlagen von den Papisten, so will ich unsre Nachkommen mannlich vertheidigen und will mich an den grimmigen Wölfen fein und mehr rächen, denn mir lieb ist. Denn ich weiß, daß Einer seyn wird, der wird sagen: wo ist dein Bruder Abel? Derselbe wird sie machen irre, und flüchtig auf Erden. Und was darffs viel Wort? Der Kaiser soll ein getheilt Reich haben mit Gott. Wird aber kein Solcher seyn, so lasset uns auslöschen dass erste Gebot mit sammt dem ganzen Evangelio. Denn was bedürfen wir eines Gottes dieses zeitlichen Lebens halben allein, wo’s die am besten haben, die von Gott nichts wissen?

Ist aber ein Gott, so werden wir nicht allein hie leben, sondern dort, da Er auch lebt. ISt das wahr, was fragen wir denn nach dem Wü+then und Dräuen der Götzen, die itzund schier nicht allein sterben, sondern gar todt sind? Der mich geschaffen hat, wird meines Sohns Vater seyn, meines Weibes Mann, ein Bürgermeister in meiner Gemein, ein Prediger in meiner Pfarr, und viel besser, denn ich. Was? Er wirds besser ausrichten nach meinem Tode, denn bei meinem Leben. Sintemal ich Ihn mit meinem Leben nur hindere. Denn es stehet geschrieben: Sein Saame wird gewaltig seyn auf Erden (Ps. 112.). So hat wahrlich auch das erste Gebot unsre Nachkommen in Gottes Schirm gesetzt, wie Er spricht: Ich thue wohl bis ins tausendste Glieddenen, die mich lieben, und meine Gebote halten. Diesen Worten glaube ich, und ob auch der Glaube schwach ist, so glaube ich dennoch.

Aber was rede ich von solchen Dingen gegen Euch, die Ihr von Gottes Gnaden größer seyd in allen Dingen denn ich? Allein ich habs auf mancherlei Weise versuchen wollen, ob Philippus, welcher meinet, daß ich ein Mensch, und meine Worte schlechte Menschenwort sind, und sich darum weniger dran kehret, doch durch Euch, welche er für Gottesmänner muß halten, möchte bewegt werden. Denn ich halte ihn je nicht so verkehrt, wenn Gott selbst durch einen Engel vom Himmel ihn hieße gutes Muths seyn, daß er solchen Befehl verachten würde, wie viel weniger soll er uns Alle verachten, die wir ihn vermahnen.

Und ob wir gleich Verachtens werth sind, so soll man doch die Psalmen, die Apostel und Christum selbst nicht verachten, welche mit so viel Predigten uns überschütten, mit Trösten, mit Lehren, mit Anhalten, als: Sey getrost; fürchtet euch nicht; hoffet; seyd wohlgemuth; seyd unverzagt. Wollen wir den Worten nicht glauben, so werden wir auch nicht glauben, wenn alle Engel vom Himmel kämen.

Solches hab ich, lieber Herr Brenz, mit vielen Worten an Euch schreiben wollen. Gehabt Euch wohl in Christo, und bittet für mich. Die Gnade Gottes sey mit Euch. Am letzten Juni, 1530.

Quelle:
D. Martin Luthers Glaube, Trost und Hoffnung während des Reichstages zu Augsburg im Jahr 1530. Dargestellt in ausgewählten Briefen desselben. Stuttgart. In Commission der J. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1830

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