Melanchthon, Philipp – An seinen gelehrten Freund Johannes Oekolampadius, über den Abendmahlsstreit

Melanchthon, Philipp – An seinen gelehrten Freund Johannes Oekolampadius, über den Abendmahlsstreit

Aus dem Latein. übersetzt von W.K.

Ich habe etliche Briefe von Dir erhalten, welche, weil in ihnen viele nicht undeutliche Zeichen Deiner alten Liebe gegen mich und Deiner unveränderlichen freundschaftlichen Gesinnung sich finden, mir sehr erfreulich gewesen sind. Demn meine Gesinnung gegen Dich ist noch immer die, welche sie stets gewesen ist. Von jeher aber hab‘ ich, von tiefer Verwunderung Deiner Gelehrsamkeit und deiner ausgezeichneten Eigenschaften erfüllt, Dich nicht nur unbeschreiblich lieb gehabt, sondern auch mit besonderer Pietät verehrt. O wären doch die Zeiten so, daß wir dieser unsrer Freundschaft uns ganz hingeben könnten! Aber da ist der furchtbare Zwiespalt in Betreff des heiligen Abendmahls eingetreten, der unsern alten freundschaftlichen Diensteifer, in welchem wir gewöhnlich Einer den Andern zu übertreffen suchten, gehemmt, jedoch mein Wohlwollen gegen Dich nicht geschwächt hat. Solltest Du also irgend Etwas an meinem Diensteifer vermissen, so bitte ich Dich, Du wollest dieß der Zeit vielmehr, als meiner Treue zurechnen.

Was nun die Sache, welche Du vertrittst, anlangt, ist es mir sehr schmerzlich, daß gerade über das Uneinigkeit entstanden ist, was von Christo angeordnet worden, um eine unauflösliche Liebe zu begründen. Du weißt aber, daß ich bei diesem Kampfe bisher mehr Zuschauer, als thätiger Theilnehmer gewesen bin. Auch hab‘ ich viele wichtige Ursachen, warum ich mich nicht in einen so verdrießlichen Streit mischen mochte. Inzwischen hat doch nie eine Sorge um irgend eine Sache mein Gemüth mehr beunruhigt, als die Sorge um diese Angelegenheit. Auch hab‘ ich nicht nur bei mir selbst nachgedacht, was sich wohl dafür oder dagegen sagen lasse, sondern ich hab‘ auch die Meinungen der Alten über diesen Gegenstand geprüft. Denn ich möchte nicht als Urheber oder Vertheidiger irgend eines neuen Dogms’s in der Kirche dastehen. Nachdem ich nun Alles, was auf beiden Seiten am besten begründet scheint, erwogen, will ich es, mit Deiner Erlaubniß, aussprechen; – doch Deiner Meinung trete ich nicht bei. Denn ich finde keinen zuverlässigen Grund, der meinem Gewissen genügen könnte, um von der eigentlichen Bedeutung der Worte abzugehen. Ich habe aber bis auf diesen Tag Nichts über diese Angelegenheit geschrieben, weil ich voraus sah, daß unbillige Richter, was ich auch schreiben möchte, behaupten würden, ich sei von Luther, gleichsam als ein um Hause gehöriger Zeuge, beauftragt. Meine Meinung würde doch kein Ansehen gehabt haben, weil es geschienen hätte, als sei sie zu Gunsten eines Andern geschrieben. Du aberwirst, hoffe ich, über meine Gesinnungen besser urtheilen.

 

„Denn wie des Hades Pforten, so ist mir ein Solcher zuwider,
Welcher im Herzen Anderes birgt, und Anderes ausspricht.“
Homer
Denn wie ich auch immer sonst sein mag, so bin ich doch wenigstens nie jenen Epikuräern geneigt gewesen, wie es deren in unserer Zeit gar Viele gibt, welche der Religion spotten, und ihr Vergnügen daran finden, in den wichtigsten Angelegenheiten die Menschen zu täuschen. Stets bin ich, wie Du weißt, mit Eifer der christliche Lehre zugethan gewesen, und eben darum ließ ich es mir angelegen sein, sie genau kennen zu lernen. Auch habe ich nicht ohne manche Mühe bei dem Suchen nach dem, was ich als zuverlässig annehmen könnte, von den scholastischen Meinungen, ja zum Theil auch, wie es einige Beweise gibt, von den Meinungen meiner Freunde mich los gerungen. Haschte ich nach Gunst, so würde ich, da ich gar wohl weiß, wie viele große und gelehrte Männer Eure Partei zählt, deren Freundschaft zu gewinnen, nicht unversucht lassen. Ich würde also auch, wenn Eure Meinung über das heilige Abendmahl mir zusagte, mich ohne Rückhalt zu derselben bekennen.

Ihr behauptet, es werde der Leib des abwesenden Christus, gleichsam wie in einer Tragödie, vorgestellt; ich aber weiß, daß es eine Verheißung Christi gibt: „Ich werde bei Euch sein, bis an das Ende der Welt!“ und ähnliche, bei denen es nicht nötig ist, von der Menschheit die Gottheit zu trennen; und dem zu Folge halte ich dafür, dieses Sacrament sein ein Zeugniß der wahren Gegenwart. Weil nun dem also ist, so bin ich überzeugt, daß in jenem Mahle die Mittheilung des gegenwärtigen Leibes Statt finde. Da die eigentliche Bedeutung der Worte mit keinem Glaubensartikel streitet, so ist kein zureichender Grund vorhanden, dieselbe zu verlassen. Auch stimmt diese MEinung von der Gegenwart des Leibes mit andern Schriftstellern überein, welche die wahre Gegenwart Christi bei uns, lehren. Denn die Meinung ist des Christen unwürdig, Christus habe einen Theil des Himmels also eingenommen, daß Er in ihm, gleich wie in einem Gefängnisse eingeschlossen, wohne. Du stellst eine Menge ungereimter Folgerungen zusammen, welche aus dieser Meinung hervorgehen. Du stellst ferner einige Aussprüche der Alten zusammen, welche für Dich zu sprechen scheinen. Aber am so genannten Ungereimten wird weniger Anstoß nehmen, wer nur bedenkt, daß man himmlische Wahrheiten nach dem Worte Gottes, nicht nach geometrischen Grundsätzen beurtheilen müsse, ja wer durch eigene Kämpfe gelernt hat, daß keine Gründe zu finden sind, welche dem Gewissen eine befriedigende Belehrung gewährten, sobald es sich vom Worte Gottes entfernt hat.

Ich erkenne an, daß in den Stellen, welche aus den Alten angeführt werden, einige Verschiedenheit Statt finde. Wer jedoch aus ihnen mit bedächtiger Prüfung die Aussprüche der angesehensten Schriftsteller ausheben will, wird sehr vielen finden, was beweist, die Meinung, welcher wir folgen, sei auch die allgemeine Meinung der alten Kirche, so weit wir sie kennen, gewesen, obwohl Du, als ein beredter Mann, einige Stellen zu spitzfindig erklärest, und gewaltsam nach Deiner Meinung deutest. Wenn die Alten von der Auferstehung handeln, führen sie das heilige Abendmahl an, und nach meiner Meinung nicht unpassend; denn Christus deutete den Aposteln an, daß er auferstehen werde, weil Er den gemeinschaftlichen Genuß seines Leibes anordnete. Denn der Leib mußte doch leben, der uns mitgetheilt werden sollte. Wären nun die Alten der Meinung gewesen, daß uns der abwesende Leib vorgestellt werde, wie hätten sie daraus die Auferstehung beweisen können? Es hätte ja, auch wenn Christus nicht auferstanden wäre, doch sein abwesender und verwester Leib uns vorgestellt werden können, so wie etwa Hektor in der Tragödie.

Doch ich will hier keine umständliche Abhandlung geben, sondern schreibe Dir dieses nur, damit Du meine fortwährende freundschaftliche Gesinnung erkennen möchtest. Doch wollte ich auch meine Meinung nicht verhehlen, und bitte Dich, zu erwägen, welch‘ eine wichtige, gefahrvolle Sache Du unternommen. Es ist ein wahres Wort, daß man durch zu vieles Streiten der Wahrheit verlustig wird; und sie ist noch weit mehr bei diesen so ungestümen Zänkereien gefährdet. Daher dürfte es wohl besser sein, wenn in Betreff dieser Angelegenheit einige redliche Männer zu einem Colloquium sich vereinigten. Ich sehe wohl, welcher Same zu diesen Händeln in den Schriften der Alten ausgestreut ist; ja er findet sich auch in einigen neuerdings vor diesen Unruhen erschienenen. Ich sehe, daß Eure Sache auf die Hilfsmittel des Witzes und Scharfsinnes sich stützt, und daß Ihr nicht bloß öffentliche, sondern auch geheime Künste anwendet, um Aufsehen zu erregen, und ich zweifle, ob diese Euch wirksamer fördern als die öffentlichen. Deine Bescheidenheit ist mir hinlänglich bekannt; darum halte ich es nicht für nöthig, Dich zu erinnern, Du wollest bedenken, daß auch scharfsinnige, kluge Leute bisweilen fallen können, und gerade in geistlichen Dingen ist die zu große Zuversicht auf den eignen Verstand gefährlich. Du weißt, daß geschrieben stehet (Hiob 41,25, Sprichw. 16,5): „Der Hewrr hat Gräuel an Allem, was hoch ist in der Welt;“ und es gibt deren noch weit mehrere, als man vielleicht meint, welche nur das in der Religion festhalten, was sie mit ihrem Verstande erforschen und begreifen konnten. Zuletzt bitte ich Dich, Du wollest diesen meinen Brief, der in der freundschaftlichsten Absicht geschrieben ist, günstig aufnehmen. LEbe wohl.

Speier, im Jahre 1529

Quelle:
Philipp Melanchthon's Werke, in einer auf den allgemeinen Gebrauch berechneten Auswahl. Herausgegeben von Dr. Friedrich August Koethe Erster Theil Leipzig: F.A. Brockhaus 1829

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