Bitt der Kirchendiener zu Hall an den Rath daselbst, Cristenliche Ordnung furzunemen.

Bitt der Kirchendiener zu Hall an den Rath daselbst, Cristenliche Ordnung furzunemen.

1529.

Erbar, weys und fursichtig Herrn. Es tregt E. W. gut wissen, was fur ein grausam geschrey und jemerlich Handlung vom Turckiechen Tirannen ytz vorhanden seyen, dardurch aller ander Cristenlicher hertzen vonwegen der not und angst jren verwandten nachbauren und mitglaubigen, so von dem Turcken ellendlich verhext und verschlaift, billich entsetzt, erschreckt und zu ernstlichem mitleyden, auch underthenigem furbit gegen Unserm Herrn Got geraitzt und gezogen sollen werden. Dieweyl nu uns als den unwirdigen der Kirchen sorg bevolhen und wir auss teglicher erfarnus des gmeinen pobels unachtsamkait, auch rowloss leben also befinden, das weder zucht noch ordnung, wollen geschweigen cristlich besserung des lebens on stete empsige anweysung gotlichs worts an jnen erlangt und erholet werden mogen, So bitten wir E. W. underthenigklich, wolle uns all Sontag zur vesper und all donnerstag zum tag ampt ein Cristenlich Litanei, das ist Gemein gebet zusingen sampt vorgender predig wider den Turcken vergonen und erlauben.

Wir haben wol, wie e. w. wussend, bisshieher allen feyertag gemein gebet in der Kirchen gefurt, darin gleichwol wider die Tirannei des Turcken aber doch verborgenlich gebetet wurdt. Auch so wir in unserem teglichen predigen das volck zur besserung des lebens ermanet, haben wir eben mit dem selben das recht mittel getroffen, dardurch der Turck uberwunden und vertriben werden mocht. Zu dem so ists wol war, das eusserlich gemein Kirchengebet on besserung des sundtlichen lebens und on ernstlich heimlich stet seufftzen gegen Got geringen nutz bringt. Idoch so ist das jung volck und gemein pobel so farlessig und unachtsam, das es sich wenig umb ander Cristenmenschen leiden und anfechtung bekumert, man teuts dan jnen mit fingern und stelle es jnen offenlich fur die augen, Wais auch nit fur sich selbs, was oder wie es sich in einem jeglichen gegenwärtigen nodt halten, und ob oder wie es doch unsern Herrn Got bitten und anrufen sol.

Hieruff diser ungeschicklicheit zubegegnen were unsers bedunckens vast nutzlich und dienstlich, so in der wochen zwey oder dreimal ein predig von Turcken gehalten und gmein Litaney gesungen wurdt, das wir auss e. w. erlaubnus gantz gehorsamlich und willigklich anrichten und mit der Hilff Gottis gern vollbringen wollen.

Das aber die gemein kirch auch fur e. w. dester frolicher und mit besserm gewussen unsern Herrn Got bitten kond, So bitten wir e. w. unser person halb underthenigklich, aber unsers ampts halben, so wir unwirdigklich tragen, ermanen wir Euch durch unsern Herrn Got ernstlich, das E. W. die ergernus des Bepstlichen missglaubens, noch zum tail allhie in der Stat aufrichtig, mit fuglichen mitel, sovil einer Cristenlichen Oberkait muglich furkomen wolle. Dan E. W. ist wol bericht, das die Bepstlich mess ein solicher abergraw vor unserm Herrn Got ist, das Er von der selben wegen, wie by den Juden von wegen jrer abgotterey, also by den Cristen land and lewt verderpt, verhert und gantz verschlaift. Und wo das E. W. noch nit bericht were, wolten wir dasselb sampt gotlicher Hilff mit allem fleis und warhait auss der hailigen geschrift thun zu welcher zeyt wir erfordert wurden.

Nun helt man noch teglich on underlass in der Schupach die Bepstlich mess, auch zu sant Johans. Wiewol aber E. W. der Kirchen sant Johans halben ein entschuldigung haben mocht, das ie Irer Oberkait nicht underwurfflich sey, und gebur keinem seinem »Iten herkomen mit unordenlichem gwalt zuwern, Wir auch selbs nit raten wollen, etwas mit unordentlichem gewalt auszurichten: So bednnckt doch uns, wo ein grosserer lust zu dem Evangelio den zu dem gunst der gewaltigen getragen wurd, es were vor langest durch bequem mittel zu Sant Johans ein cristenliche ordnung angericht Und furnemlich kan e. w. der Schupach halb gar kein entschuldigung haben. Dan die selb Stifftung, sovil wir wussens tragen, ist zum mehrer tail in e. w. handt gestellt und mag derhalben auss craft jrer Oberkait aufs cristenlichst und nutzlichst angericht werden. Wolten schon die Stiffter oder erben diss nit vergonnen, So wer es doch E. W. und der gantzen Stat ril nutzer und besser, das gelt der Stifftung gar lassen faren, dan ein eoüchen abergraw in jrer Stat zugedulden. Ja ob schon E. W. ytz d gelt der Stifftung wider den Turcken wendet, wie solt dasselb nit mögen vor den Stiffter vor gaistlichen und weltlichen verantwort werden? Dieweyl doch auch die Bepstlichen Fursten und Oberkaiten jtzundt pfrunden der meynung einnemen, das sie die nutzung wider den Turcken zuwenden furgeben. Darumb bitten wir fleissig, E. W. wolle jr die schmach, so unserm Herrn Jesu Cristo teglich in der Bepstischen mess widerfert, zu hertzen gen lassen und die selben fuglicher weys, wie ytzundt antzaigt, furkomen, Oder doch auff das allerwenigst die nutzung der Stifftung in der Schupach aufheben, biss auff ein anortnung eins gmeinen Conciliums. Dan wo e. w. so kaltsinnig ytz in der nodt wie vorhin in diesem handel sein wurdt, wie kunden wir mit frolichem gewussen fur E. W. unsern Herrn Got bitten? Wie kan oder mag der Cristenlichen Kirchen gebet Euch zu gutem und wolfart geradten? Wie kont Ir mit gutem gewussen des Turcken gewertig sein, dieweyl Ir die schmach des Gottis, so ewer nothelffer sein soll, oneulich gedulden, ja mit demselben darein verwilligen und doch gepurlicher weys wol weren kundten. Es ist vil ein ander ding umb ein Oberkait dan umb ein underthon. Der underthon ist wol entschuldigt, das er leidet ein offenliche schmach Gottis. Aber wan das selb ein Oberkeit gedult und kan es mit gotlichenn billichen mitteln wem, thuts aber nit, so gedeyt die schmach gottis eben als wol uber die Oberkait als uber den Jhenigen, so sie volnbringt. Was hilffts dan, wan man schon lang fur eine soliche Oberkait bittet und grossen ernst vor Got furwendt? So es doch als wenig fasselt als das gebet Mosi fur pharaonem oder Samuelis fur den konig Saul. Dises bitten wir underthenigklich wol e. w. bedencken und jrm beruff trewlich nackkomen. Weyter so lesen wir im propheten Jona, das unser Herr Got Im furnam, die gross Stat Ninive zu vertilcken und schickt derhalben den propheten Jonam dahin, das er dasselb solt in der Stat ansagen und verkundigen, sprechend: Es sind noch viertzig tag, so wurt Ninive umbgekert. Nun glaupt das gemein volck nit allein diser predig, Sie besserten auch nit allein jr leben mit fasten und angezogen secken, dasselb antzaigendt oder beweysendt: Sonder die Oberkait griffs auch selbs an. Dan da das geschray fur den konig zu Ninive kam, stund er auff von seinem tron und legt sein purpur ab und hullet einen sack umb sich und satzt sich in die Aschen und Hess ausschreyhen -und gebietten zu Ninive aus bevelh des konigs und seiner gewaltigen also: Es sol weder menschen noch thier, weder ochsen, schaff etwas essen, Und man sol sie nicht waiden noch wasser trincken lassen, und solt seck umb sich hullen, baid menschen und thier und zu Gott ruffen hefftig, Und ein igklicher beker sich von seinem bossen weg und von frevel seiner hend.

Das mocht wol ein eeltzam affenspiel sein gewesen, das nit allein den menschen, sonder auch den unvernunftigen thiern zu vasten von dem konig gebotten ward. Aber man sehe es an, wie man wol, so hat der konig mit dissen stucken sein und des volcks ernst beweysen und antzeigen wollen, das sie ein forchtsam rewig hertz und diemutig gewissen auss der gotlichen predig entpfangen haben. Dardurch ist auch Gott also erwaicht worden, das er jnen die straff nachgelassen hat.

Dieweyl nu die itzig not und geverlichait eben als hefftig ist als deren zu Ninive, und wer waisst, Ob wir noch viertzig tag lang vor dem Turcken und der zerstorung unsers lands wie die Niniviter acherhait haben: So wil es auch e. w. als einer Cristenlichen Oberkait geburn und erhaisch die gegenwurtig not, das auss ordnung gotlichs worts und nach dem vorbild des konigs zu Ninive e. w. allen jren underthonen ernstlich gebieten lass, hie zwuschen kein offenliche hochzeit zubegen, kein offenlichen Tantz zuhaben, kein offenliche gemein zech auff den Stuben oder wirtzheussern zuhalten, Oder zum wenigsten, das am feyertag all offenliche zech zur vesper zeit ein end solten haben und menigklich in die Kirchen zur Letaney zagen vermanet werden. Auch die weyber kein hochzeitlich geschmuck zutragen, damit menigklich vor Got und menschen sein rewig hertz, sein sundtlich leben und sein ernstlich bitten bezeugt und bewiss. Dan als Uria sagt: Wie solt es sich reymen, das unsere verwandten und mitbruder im feld wider den Turcken ein bartselig leben furten, und wir hie zwuschen im sauss und allen freuden lepten. Disse stuck seyen wol kindisch, ja gleyssnerisch und dem gemeinen nutz schedlich anzusehen. Dan wo man nit vil zecht, da gets am ungelt ab. Man muss aber gedencken, das sich der Turck nit mit dem ungelt, so von der menschen fullerey ver»amelt, Sonder von der besserung unsers lebens vertryben lasst. Auch so vil an* dem zechen erspart wurdt, so kan der gemein man dester mer stewerung wider den Turcken auss anfordcrung der Oberkait erlegen. Zu dem das solich weys und ordnung den ernst by dem gemeinen man schaffen und in allweg zu merer gehorsam und milterer handtreichung bewegen, auch by unsern nachbauren gut exempel erzaigen wurd.

Über das alles wer waiss? Wie im propheten Jona stet: Got mocht sich dardurch bekeren und rewen und sich wenden voü sei~ou grimigen zorn, das wir durch den Turcken nicht verderben. Wit wollen setzen, es sey schon kein ernst, auch kein rechtgeschafne besserung des lebens darhinder (welche doch unser Herr Got gnedigklich wenden wol und bessers zu Im verhoffen), So haben doch wir auss dem vorbild des konigs Ahabs erlernt, das unser Herr Got so barmhertzig und gnedig ist und lasst sich auch einr gleyssners diemutikait von dem zorn abwenden. Dan als der konig Ahab von Elia hort, das sein geschlecht solt aussgerot werden, zerrreys er seine cleider und legt ein sack an und ging krum einher. Wiewol nu Ahab sonst ein ertzbub ware und die besserung des lebens in verborgenheit seins hertzen nit ernstlich meinet: Idoch sagt Got -zuHelia: Hastu nit gesehen, wie sich Ahab vor mir bucket? Weil er nu sich vor mir buckt, wil Ich das ungluck nit einfuren by seinem leben. Also on zweyfel, so unser Herr Got unsern ernst in den Eusserlichen ordnungen sehe, und schon im grund (das er barmhertzigklich verhuten wol) kein ernst were, So mocht er sich doch bewegen lassen; wolt er ye den zorn nit gar von uns abwenden, wurd er uns doch by unserm leben frid geben. Darumb Erbar und weys Herrn, bitten wir abermal, E. W. wolle in dissem fall dem frumen konig zu Ninive in sein fusstapfen tretten und den Ernst der gegenwertigen geferlikait mit Cristenlichen Ordnungen, wie antzaigt, vor menigklich beweysen. Und wo es E. W. geliept, So haben wir ein vorgebne copey eins statut hieby gelegt gestellt, nicht E. W. etwas furzuschreyben, Sonder allein unser meynung vergebisser weys anzuzaigen. Setzen ditz alles in e. w. willen und wolgefallen. Und wo wir in diser und ander sachen etwas mer kunden raten, thon oder helffen, wollen wir alweg ungesparts fleys gehorsam erfunden werden.

E. E. W. underthenige und gehorsam

Johan Isenman, pfarher zu S. Michel.
Johan Brentz, prediger.
Michel Greter pfarher zu S. Katherin.
Nicolaus Trabant, helter zu S. Michel.

Quelle:
Anecdota Brentiana Ungedruckte Briefe und Bedenken von Johannes Brenz. Gesammelt und herausgegeben von Dr. Th. Pressel, Archidiaconus in Tübingen. Tübingen, 1868. Verlag von J.J. Heckenhauer.

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