Luther, Martin – An den Kurfürsten Johannes, vom 15. November 1529.

Luther, Martin – An den Kurfürsten Johannes, vom 15. November 1529.

Vor dem Convente zu Schmalkalden, den 29. November 1529, forderte der Kurfürst von Luther und zweien seiner Collegen, wahrscheinlich Melanchton und Bugenhagen oder Jonas, nochmals ein Bedenken, ob man sich in ein Bündniß zum Schutze der Religion einlassen könne.

Dem Durchlauchtigsten, Hochgebornen Fürsten und Herrn, Herrn Johannes, Herzogen zu Sachsen und Kurfürsten rc., Landgrafen in Thüringen und Markgrafen zu Meissen, meinem gnädigsten Herrn.

Gnade und Friede in Christo. Durchlauchtigster, Hochgeborner Fürst, gnädigster Herr! Es hat der Achtbar, Hochgelehrter Herr, Gregor Brück, Doctor rc. uns dreien von E. K. F. G. einen Credenze1) gebracht, darauf wir von ihm E. K. F. G. Meinung vernommen, und unser bestes Bedenken schriftlich angezeigt, E. K. F. G. zu überantworten, und ich bitte, E. K. F. G. wollen solches gnädiger Meinung von uns vernehmen. Denn wir in unserm Gewissen solch Verbündniß nicht mögen billigen noch rathen, angesehen, wo es fortginge, und etwa ein Blutvergießen oder sonst ein Unglück draus erfolgete, daß, ob wir alsdenn gern heraus wollten fein, nicht könnten kommen, und alles solches Unfalls eine unleidliche Beschwerung tragen müßten, daß wir lieber möchten zehnmal todt sein, denn solch Gewissen haben, daß unser Evangelium sollte eine Ursache gewesen sein einiges Blut oder Schadens, so von unser wegen geschehen; weil wir sollen die sein, die da leiden, und wie der Prophet sagt, Ps. 44, (23.), wie die Schlachtschafe gerechnet sein, und, nicht uns selbst zu rächen oder vertheidigen, sondern dem Zorn Gottes Raum lassen, Röm. 12, (19.).

Daß aber E. K. F. G. darüber muß in der Gefahr sitzen, schadet nicht. Unser Herr Christus ist mächtig genug, kann wohl Mittel und Wege finden, daß E. K. F. G. solche Gefahr nichts thun wird; er kann die Gedanken der gottlosen Fürsten wohl zu nichte machen, Ps. 33, (10.). Denn wirs auch dafür achten, daß solches des Kaisers Fürnehmen ein lauter Dräuen des Teufels sei, das ohne Kraft sein wird, und endlich dem Widertheil zum Verderben gedeihen wird, wie der 7. Psalm (V. 17.) singet: Sein Unglück wird auf seinen Kopf kommen, und sein Frevel über ihn ausgehen; ohne daß uns Christus dadurch (wie billig und noth ist) versucht, ob wir auch mit Ernst sein Wort meinen, oder für gewisse Wahrheit halten oder nicht. Denn so wir wollen Christen sein, und dort das ewige Leben haben, werden wirs nicht besser können haben, denn es unser Herr selbst mit allen seinen Heiligen gehabt hat, und noch hat. Es muß je Christus Kreuz getragen sein; die Welt wills nicht tragen, sondern auflegen: so müssens freilich wir Christen tragen, auf daß es nicht ledig da liege oder nichts sei. E. K. F. G. haben bisher redlich dran getragen, beide wider die Aufruhr, und auch wider große Anfechtung, Neid, Haß, und viel böser Tücke von Freunden und Feinden; noch hat Gott gnädiglich immerdar ausgeholfen, und S. K. F. G. festen Muth gegeben, und ohne Trost beide leiblich und geistlich nicht gelassen, sondern wunderbarlich alle böse Tücke und Stricke des Teufels aufgedeckt, zerrissen und zu Schanden gemacht. Er wirds auch förder nicht böse machen, so wir gläuben und bitten. Wir wissen je gewiß, Habens auch in öffentlicher Hülfe Gottes erfahren bisher, daß unsre Sache nicht unser, sondern Gottes selber ist. Das ist ja unser Trotz und Trost, darum er sich auch als ein treuer Vater solcher seiner Sachen also angenommen, und vertheidigt, daß wir müssen bekennen, es sei über unsere Kunst und Macht gewesen, und hätten also nicht mögen mit unserer Vernunft regieren, vertheidigen oder ausführen.

Derhalben bitte und vermahne ich unterthäniglich, E. K. F. G. sein getrost und unerschrocken, in solcher Gefahr; wir wollen, ob Gott will, mit Beten und Flehen gegen Gott mehr ausrichten, denn sie mit all ihrem Trotzen. Allein daß wir unsere Hände rein vom Blut und Frevel behalten, und wo es dazu käme (als ich nicht meine), daß der Kaiser fortdränge, und mich oder die andern forderte: so wollen wir für uns selbst mit Gottes Hülfe erscheinen, E. K. F. G. unserthalben in keine Gefahr setzen, wie ich vormals auch oft E. K. F. G. Bruder gottseliger, meinem gnädigsten Herrn, Herzog Friederichen, angezeigt.

Denn E. K. F. G. soll weder meinen noch eines Andern Glauben vertheidigen, kanns auch nicht thun; sondern ein jeder soll selbst seinen Glauben vertheidigen, und nicht auf eines andern, sondern auf seine eigene Gefahr glauben oder nicht glauben, wenns so fern kommt, daß unser Oberherr, als der Kaiser, an uns will. Indeß verläuft viel Wassers, und wird Gott wohl Rath finden, daß nicht so gehen wird, wie sie gedenken. Christus, unser Herr und Trost, stärke E. K. F. G. reichlich, Amen. Den 18. November 1529. E. K. F. G. unterthäniger Martinus Luther.

1) d. i. eine Vollmacht, Auftrag.

 

Quelle:
Luthers Volksbibliothek Zu Nutz und Frommen des Lutherschen Christenvolks ausgewählte vollständige Schriften Dr. Martin Luthers, unverändert mit den nöthigen erläuternden Bemerkungen abgedruckt. Herausgegeben von dem Amerikanischen Lutherverein zur Herausgabe Luther’scher Schriften für das Volk Siebenter Band St. Louis, Mo. Druck von Aug. Wiebusch u. Sohn. 1862

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