Luther, Martin – An Herzog Georg zu Sachsen, vom 22. December 1525.

Luther, Martin – An Herzog Georg zu Sachsen, vom 22. December 1525.

Auf Andringen einiger großen Herren, des Herzogs Unterthanen, welche Luther vertrösteten, als sollte es dem Evangelio förderlich sein, schrieb er diesen demüthigen Brief. Aber er wurde in seiner Hoffnung getäuscht.

Dem Durchlauchtigen, Hochgebornen Fürsten und Herrn, Herrn Georgen, Herzogen zu Sachsen, Landgrafen in Thüringen, und Markgrafen zu Meißen, meinem gnädigen Herrn.

Gnade und Friede in Jesu Christo unserm Herrn und Heiland, und mein unterthäniger Dienst zuvor, Durchlauchter, Hochgeborner Fürst, gnädiger Herr. Wir wissen, wie alle Schrift von Gott sagt, daß er zuerst scharf und hart mit den Menschen handelt, hernach aber freundlich und väterlich. Also plagete er und verflucht zuerst das ganze israelitische Volk durch das schwere Gesetz Moses, ehe er sie durch das Evangelium segnet, und freundlich tröstet, wie geschrieben stehet 1. Reg. (Sam.) 2, (6.): Der Herr tödtet und macht lebendig rc. Demnach habe ich mit andern Vielen, auch mit E. F. G. umgangen, und dieselbige mit harter, scharfer Schrift angetastet. Ich habe auch darneben freundlich gebeten, daß mir Gott wollte E. F. G. zum gnädigen Herrn machen, und sonst viel lieblicher Predigt und Büchlein lassen ausgehen, darinnen jedermann ja wohl möcht greifen, wie ichs mit niemand arg meine, sondern einem jeglichen gerne zum Besten dienen wollte.

So ich aber merke, daß sich E. F. G. gar nichts von der Ungnade wendet, sondern immer fortfähret, bin ich zu Rath geworden, E. F. G. noch einmal demüthig und freundlich zu ersuchen, mit dieser Schrift, vielleicht zur Letze. Denn michs fast ansiehet, als sollte Gott unser Herr gar bald unser ein Theil von hinnen nehmen, und darauf stehet die Sorge, Herzog Jürge, und der Luther mußten auch mit.

Was ich aber thue, deß beruf ich mich auf Gott, so viel mir mein Herz sagen kann, daß ichs E. F. G. zum Besten aus meiner Pflicht und Schuld thue, die mich dringet und zu vorhüten und zu vorwahren E. F. G. Seelen-Seligkeit; welches ich auch meinen Feinden schuldig mich erkenne zu thun. Es nehme nun E. F. G. an (das Gott gebe) oder nicht (da Gott für sei), so solls doch E. F. G. in kurzer Zeit erfahren, daß ichs besser mit meiner harten Schrift gemeinet habe, und noch meine, denn alle die, so jetzt E. F. G. höchlich preisen, auch weidlich heucheln.

So komme ich nun, und falle mit Herzen E. F. G. zu Fuße, und bitte aufs Allerdemüthigste, E. F. G. wollten doch noch ablassen von dem ungnädigen Vornehmen, meine Lehre zu verfolgen. Nicht daß mir viel Schaden möge geschehen durch E. F. G. Verfolgungen: ich habe nichts mehr denn den Madensack zu verlieren, der doch nun täglich zum Grabe eilt. So habe ich auch wohl einen größern Feind, nämlich den Teufel, mit allen seinen Engeln; und Gott hat mir doch den Muth bisher gegeben (wiewohl ich ein armer, gebrechlicher, sündiger Mensch), daß ich vor ihm blieben bin. Und wenn ich sollte meinen Nutzen suchen, so kann mir nicht daß geschehen, denn daß ich hart verfolgt würde. Denn wie trefflich mir die Verfolgung bisher genutzet hat, kann ich nicht erzählen, daß ich billig meinen Feinden darum danken sollte. Und wenn mir E. F. G. Unglück lieb wäre, und nicht für E. F. G. sorget, wollte ich E. F. G. auch weiter reizen und wünschen, mich immer mehr zu verfolgen. Aber das ist genug gewesen, E. F. G. hat sich wohl beweiset; nun ists Zeit anders zu thun. Denn wiewohl E. F. G. nicht will glauben, daß meine Lehre Gottes Wort sei; denn so wüßte sie sich selbst wohl zu weisen, und dürfte meiner Vermahnung nichts. Weil ichs aber weiß, und bins gewiß, muß ich bei Fährlichkeit meiner Seelen für E. F. G. Seele sorgen, bitten, flehen und ermahnen, ob ich könnte etwas ausrichten.

E. F. G. wollen nicht ansehen meine geringe Person; denn Gott hat auch einmal durch eine Eselinn geredet (4 Mos. 22, 28. 30.), so schilt er im 13. (14.) Psalm, (V. 6.) die des Elenden Rath verschmähen. Es wird doch weder E. F. G. noch kein Mensch meine Lehre dämpfen noch hindern, sie muß fort und soll fort, wie sie denn auch bisher gethan hat; denn sie ist nicht mein. Allein es ist mir leid, daß ich soll sehen, wie E. F. G. so greulich anläuft an den Eckstein Christum (Ephes. 2, 20.), so doch Gott sonst E. F. G. viel mehr Tugend und Art in andern Sachen gegeben hat. Gott der Allmächtige gebe seine Gnade dazu, daß ich jetzt und zur guten Stunde komme, und meine Schrift eine gnädige Stätte finde in E. F. G. Herzen. Denn wo E. F. G. (da Gott für sei) solche meine demüthige und herzliche Ermahnung nicht annähme, müßte ichs Gott befehlen.

Will aber hiemit mich für Gott und E. F. G. Gewissen entschuldigt haben, daß ich das Meine gethan habe, und alles noch zu thun und zu lassen willig und bereit bin, was ich wüßte, das E. F. G. wohl gefiele, ausgenommen meine Lehre; dieselbe kann ich nicht lassen vor meinem Gewissen. Sonst bitte ich, und unterwerfe mich, und suche Gnade, worinnen ich mich verwahrlost habe an E. F. G., es sei mit Schriften oder Worten. Vergebe auch von Herzen Alles, was E. F. G. wider mich gehandelt hat, und will bitten und auch gewißlich erwerben Vergebung bei meinem Herrn Jesu Christo über alles, das E. F. G. wider sein Wort thut und gethan hat. Allein E. F. G. lassen sich erweichen in dem einigen Stück, so ist es alles schlecht, daß Christus Wort, so durch mich an den Tag gekommen, frei sei: dessen werden sich ohne Zweifel alle Engel im Himmel über E. F. G. freuen (Luc. 15, 10.). Es soll auch E. F. G. wissen, daß ich bisher für E. F. G. Herz fleißig gebeten habe, und auch noch bitte, und wollte je gern zuvor kommen mit dieser Schrift, daß ich nicht müßte, aus Noth der Sachen gezwungen, wider E. F. G. bitten. Denn wiewohl wir ein geringes, armes Häuflein sind; so wir aber wider E. F. G. sollten bitten (wie wir gar ungern thun, und uns doch die Länge wird dahin dringen das unabläßliche Verfolgen des Evangeli und seiner Prediger), so stünde es darauf, daß E. F. G. nicht wohl gelingen sollte; denn wir wissen, was uns Christus hat gesagt, das wird er halten. Und möchte vielleicht E. F. G. inne werden, daß nicht ein gleich Ding sei, wider den Münzer, und wider den Luther streben. Es wäre mir aber lieber, E. F. G. müßten das nicht erfahren. Ich halte mein und der Meinen Gebet stärker, dann den Teufel selbst, und wo das nicht wäre, sollte es längst anders um den Luther stehen; wiewohl man das große Wunder Gottes an mir nicht siehet noch merket.

Das will ich, wie gesagt, E. F. G. (Gott gebe nicht zur Letze) aufs Allerdemüthigeste und Treulichste geschrieben haben, und Gott gebe, daß mir E. F. G. gnädiglich und christlich, mehr mit lebendiger That, denn mit todten Buchstaben, antworte, Amen. Hiemit sei E. F. G. Gott befohlen. Freitags nach St. Thomas, Anno 1525. E. F. G. williger und unterthäniger Diener Martinus Luther.

Quelle:
Luthers Volksbibliothek Zu Nutz und Frommen des Lutherschen Christenvolks ausgewählte vollständige Schriften Dr. Martin Luthers, unverändert mit den nöthigen erläuternden Bemerkungen abgedruckt. Herausgegeben von dem Amerikanischen Lutherverein zur Herausgabe Luther’scher Schriften für das Volk Siebenter Band St. Louis, Mo. Druck von Aug. Wiebusch u. Sohn. 1862

Kommentare sind geschlossen.