Luther, Martin – Sendschreiben an die Christen in Livland. 1525

Luther, Martin – Sendschreiben an die Christen in Livland. 1525

Allen lieben Christen in Livland, samt ihren Pfarrherren und Predigern, Gnade und Friede von Gott unserm Vater und Herrn Jesus Christus. Wir sollen Gott, dem Vater aller Barmherzigkeit, höchlich und allezeit für euch danken, liebe Herren und Freunde, der euch nach dem überschwänglichen Reichtum seiner Gnaden zu dem Schatz seines Worts gebracht hat, darin ihr Erkenntnis seines lieben Sohns habt, das ist ein sicheres Pfand eures Lebens und Seligkeit, die im Himmel zukünftig ist Und allen bereitet, die in reinem Glauben und brünstiger Liebe beständig bis ans Ende beharren. Wie wir denn hoffen und bitten, dass der barmherzige Vater euch samt uns erhalten und vollkommen machen wollte in einem Sinn zu gleichem Bilde seines lieben Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn, Amen.

Es ist aber vor mich durch redliche Zeugen gekommen, dass Rotten und Entzweiung auch unter euch sich daraus anfangen sollen, dass etliche eurer Prediger nicht einhellig lehren noch handeln, sondern was einem jeglichen seinem Sinn und Vornehmen nach das Beste dünkt. Und will das nicht übel glauben, weil wir zu denken haben, es werde mit uns nicht besser sein, als es mit den Korinthern und andern Christen zu Zeiten des Paulus war, da sich auch Rotten und Spaltung im Volk Christi regten. Wie denn Paulus selbst bekennet und spricht, 1. Kor. 11, 19: „Es müssen ja wohl Spaltungen unter euch sein, auf dass die, so rechtschaffen sind, offenbar unter euch werden.“ Denn der Satan hat nicht genug daran, dass er der Welt Fürst und Gott ist. Er will auch unter den Kindern Gottes sein, Hiob 1, 6 ff., Und „gebt umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge.“ 1. Petr. 5, 8.

Daher kommt die Klage und Irrung im Volk, dass man sagt es wisse schier niemand, was oder mit wem er es halten solle; und alle sehen darauf, dass doch allenthalben einerlei Weise und Gestalt gelehrt und gehalten werden machte. Aus dieser Ursache wurden vor Zeiten auch die Konzilien gehalten und so mancherlei Ordnungen und Gesetze aufgestellet, dass man den Haufen an eine Weise binden und halten möchte. Das sind danach eitel Seelenstricke und gefährliche Ärgernisse des Glaubens geworden, so dass auf beiden Seiten große Gefahr ist und gute geistliche Lehrer not sind, die sich hierin mit Bescheidenheit zu halten und das Volk zu (unter)weisen wissen. Denn so man einerlei Weise vernimmt und festsetzt, so fällt man darauf und macht ein notwendiges Gesetz daraus, der Freiheit des Glaubens entgegen. Setzt man aber und stellet nichts, so fähret man zu und macht so viel Rotten, so viel Köpfe sind, welches dann wider die christliche Einfalt und Eintracht streitet, davon Paulus und Petrus so oft lehren.

Aber man muss doch ja etwas dazu sagen, das Beste, das man kann, ob’s gleich nicht alles so gehen will, wie wir reden und lehren. Und zum ersten hoffe ich, dass bei euch die Lehre vom Glauben, Liebe und Kreuz, und die Summe oder Hauptstücke in der Erkenntnis Christi noch rein und unversehret seien, dass ihr wisset, wie ihr euch im Gewissen gegen Gott verhalten sollt, obwohl auch diese Einfalt der Lehre vom Satan nicht unangefochten bleiben wird. Ja, durch die äußerlichen Entzweiungen in den Zeremonien sucht er (sich) einzuschleichen und auch Rotterei im Geist und Glauben anzurichten; wie es seine Art ist, (wie man) bisher in so viel Ketzereien reichlich erfahren.

Deshalb, wie Paulus seinen Rottereien tat, tun wir auch unsern. Er konnte mit Gewalt nicht wehren, wollte auch nicht mit Geboten erzwingen, sondern durch freundliches Ermahnen erbitten. Denn wer es nicht freiwillig, auf Ermahnen hin, unterlässt, der wird es auf Gebot hin viel weniger unterlassen. So spricht er aber Phil. 2,1-4: „Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so machst meine Freude völlig und seid eines Sinnes, habt gleiße Liebe, seid einmütig und einhellig. Tut nichts aus Zank oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst; und ein jeglicher sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was des andern ist.“ Und setzt das Exempel Christi dazu, wie sich derselbe zum Knechte eines jeglichen gemacht bat, dem Vater gehorsam zu sein.

So ermahne ich auch zum ersten eure Prediger mit denselben Worten des Paulus, dass sie all das Gut ansehen wollten, das wir in Christus haben, den Trost, Ermahnung, Geist, Liebe und Barmherzigkeit, und daneben das Exempel Christi und dem allein zu Ehren und Dank sich so verhalten, dass sie einträchtig und eines Sinnes und Muts seien und bleiben und auf den listigen Einbruch des Teufels durch eitel Ehre achten, welche besonders gefährlich ist und diejenigen am meisten anficht, die des Wortes Amt haben, welches sie nicht besser tun können, als dass ein jeglicher sich selbst am meisten verachte und für den Untersten, die andern aber für die Obersten halte und, wie Christus im Evangelium (Luk. 14, 8 ff.) lehret, sich untenan unter den Gästen der Hochzeit setze.

Obwohl nun die äußerlichen Ordnungen in Gottesdiensten – wie Messen, Singen, Lesen, Taufen -nichts zur Seligkeit tun, so ist doch das unchristlich, dass man darüber uneinig ist und das arme Volk damit irre macht, und die Besserung der Leute nicht für viel mehr achtet als unsern eigenen Sinn und Gutdünken. So bitte ich nun euch alle, meine lieben Herren, lasse ein jeglicher seinen Sinn fahren, und kommt freundlich zusammen und werdet eins, wie ihr diese äußerlichen Stücke halten wollt, dass es bei euch in eurem Landstrich gleich und einerlei sei und nicht so zerrüttet, anders hier, anders da, gehalten und damit das Volk verwirrt und unlustig gemacht werde.

Denn, wie gesagt ist, obwohl die äußerliche Weise frei ist und, dem Glauben nach zu rechnen, mit gutem Gewissen an allen Orten, zu aller Stunde, durch alle Personen geändert werden kann, so seid ihr doch, der Liebe nach zu rechnen, nicht frei, solche Freiheit zu vollziehen, sondern schuldig, Acht darauf zu haben, wie es dem armen Volk leidlich und besserlich sei; wie Paulus 1. Kor. 14, 40 sagt: „Lasset aber alles ehrbar und ordentlich zugehen.“ und 1. Kor. 6, 12: „Mir ist alles erlaubt, es frommt aber nicht alles.“ und 1. Kor. 8, 1: „Das Wissen bläst auf; aber die Liebe baut auf.“ Und wie er daselbst von denen redet, welche die Erkenntnis des Glaubens und der Freiheit haben und doch noch nicht wissen, wie sie die Erkenntnis haben sollen, weil sie dieselbe nicht zur Besserung des Volks, sondern zum Ruhm ihres Verstandes brauchen.

Wo nun euer Volk sich daran ärgert, dass ihr so mancherlei uneinige Weise führet und irre drüber wird da hilft euch nicht, dass ihr vorgeben wollet: Ja, das äußerliche Ding ist frei, ich will’s an meinem Ort machen, wie mir’s gefället. Sondern ihr seid schuldig zuzusehen, was andern daran gelegen ist, und solche Freiheit des Glaubens vor Gott im Gewissen zu behalten und doch daneben dem Nächsten zugut und zur Besserung zum Dienst gefangen zu geben. Wie Paulus auch Röm. 15, 2 spricht: „Es lebe ein jeglicher unter uns so, dass er seinem Nächsten gefalle zum Guten, zur Auferbauung.“ Denn wir sollen nicht uns selbst zum Gefallen verfahren, sintemal auch Christus nicht ihm selbst, sondern uns allen zu Gefallen verfahren ist.

Doch muss ein Prediger daneben gleichwohl wacker sein und bei dem Volk darauf dringen und (es) mit Fleiß unterrichten, dass sie solche einträchtige Weise nicht als nötige Gebote annehmen, als müsse es so sein und Gott wolle es nicht anders haben; sondern dass man ihnen sage, wie es nur darum geschieht, dass sie dadurch gebessert und erhalten werden, damit die Einigkeit des christlichen Volks auch durch solche äußerlichen Dinge, die sonst an sich nicht vonnöten sind, bestätigt werde. Denn dieweil die Zeremonien oder (äußerlichen) Weisen nicht für das Gewissen oder zur Seligkeit vonnöten sind und doch nützlich und nötig, das Volk äußerlich zu regieren, soll man sie auch nicht weiter treiben noch annehmen lassen, als dass sie dienen, Einigkeit und Frieden zwischen den Menschen zu erhalten. Denn zwischen Gott und dem Menschen macht der Glaube Frieden und Einigkeit.

Das sei den Predigern gesagt, dass sie die Liebe und deren Recht dem Volk gegenüber ansehen und nicht des Glaubens Freiheit brauchen, sondern der Liebe Knechtschaft oder Untertänigkeit gegen das Volk, des Glaubens Freiheit aber behalten sie Gott gegenüber. So macht nun und haltet Messe, singet und leset einträchtig auf einerlei Weise, an einem Ort wie am andern, weil ihr sehet, dass die Menschen es so begehren und bedürfen, dass sie durch euch nicht irre, sondern gebessert werden. Denn um ihrer Besserung willen seid ihr da, wie Paulus 2. Kor. 10, 8 sagt: Die Gewalt ist uns gegeben nicht zur Zerstörung, sondern zur Besserung. Bedürft ihr solcher Emträchtigkeit nicht, danket Gott dafür; das Volk aber bedarfs. Was seid ihr aber anders als Diener des Volks? Wie Paulus 2. Kor. 4, sagt: Wir sind nicht Herren eures Glaubens, sondern eure Knechte um Jesu willen.

Umgekehrt bitte ich auch das Volk, dass sie sich gewöhnen und nicht wundern, ob Rotten und Entzweiungen, (äußere) Weisen oder Lehren einrissen. Denn wer kann dem Teufel mit den Seinen wehren? Man muss wissen, dass immer Unkraut zwischen dem rechten Samen wächst, wie das auf allen Ackern Gottes Werk beweiset und Christus im Evangelium bestätigt, Mat. 13, 25. Ebenso kann auf der Tenne nicht allein reines Korn, sondern auch Hülsen und Spreu darunter sein. Und Paulus spricht, 2. Tim. 2, 20: In einem großen Hause sind nicht allein Gefäße zu Ehren, sondern auch etliche zu Unehren; aus etlichen isset und trinket man, mit den andern trägt und reinigt man Mist und allen Unflat. So müssen unter euch Christen auch Rotten und uneinige Geister sein, die Glauben und Liebe verkehren und die Menschen irre machen.

Wenn ein Gesinde sich nun dadurch beirren lassen wollte, dass im Hause nicht eitel silberne Becher wären, sondern es fände irgendeinen Nachttopf und wollte das nicht leiden, was wollte daraus werden? Wer kann ohne unreine Gefäße haushalten? Ebenso tut sich’s nicht in der Christenheit, dass eitel ehrliche Gefäße darin seien, sondern wir müssen die unehrlichen unter uns leiden, wie Paulus 1. Kor. 11, 19 sagt: „Es müssen Spaltungen sein.“ Ja, daran sollt ihr eben merken, meine lieben Freunde, dass Gott bei euch das rechte Wort und Erkenntnis Christi gegeben hat, wenn ihr Rotten und Uneinigkeit findet. Denn als ihr katholisch waret, ließ euch der Satan wohl in Frieden. Und wenn ihr (jetzt) noch eitel falsche Lehrer hättet, er würde euch nicht viel mit Rotterei anfechten. Aber nun der rechte Same göttlichen Worts bei euch ist, kann er es nicht lassen, er muss seinen Samen auch darunter säen; wie er hier oben bei uns durch die Schwarmgeister auch tut. Und Gott versucht euch dadurch, ob ihr fest stehen wollet.

Nichtsdestoweniger sollen beide, ihr und euere Prediger, allen Fleiß aufwenden, dass es einträchtig zugehe und solchem Werk des Teufels gewehret werde. Denn deshalb verhängt Gott dem Teufel solches, auf dass wir Ursache haben, uns in Einträchtigkeit zu üben und dadurch diejenigen, die bewähret sind, offenbar werden. Denn ob wir gleich den höchsten Fleiß daran kehren, will’s dennoch der Rotten und Uneinigkeit genug bleiben. Ebenso setzt auch Paulus, da er 2, Tim. 2, 20 sagt, dass in einem Hause ehrliche und unehrliche Gefäße sind, gleichwohl V. 21 dazu: „Der wird ein Gefäß sein zu Ehren, geheiligt, dem Hausherren brauchbar und zu allem guten Werk bereitet.“

Diese meine treue Vermahnung, liebe Freunde, wollet freundlich annehmen und dazu tun, so viel euch möglich ist, dass ihr Folge geschiehet. Das ist euch nütz und not, und Gott, der euch zu seinem Licht berufen hat, ehrlich und löblich. Aber unser lieber Herr Jesus Christus, der sein Werk bei euch angefangen hat, wolle dasselbe mit Gnaden mehren und auf den Tag seiner herrlichen Zukunft vollführen, dass ihr samt uns ihm mit Freuden entgegenlaufen und ewiglich bei ihm bleiben möget, Amen. Bittet für uns.

Zu Wittenberg am Sonnabend nach Trinitatis 1525

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