Luther, Martin – An den Kurfürsten Johannes, vom 15. Mai 1525.

Luther, Martin – An den Kurfürsten Johannes, vom 15. Mai 1525.

Kurfürst Friedrich der Weise war am 5. Mai 1525 gestorben. An dessen Bruder und Nachfolger, Johann des Beständigen, schreibet Luther diesen Trostbrief.

Dem Durchlauchtigsten und Hochgebornen Fürsten und Herrn, Herrn Johannes, Herzog zu Sachsen und des heil. röm. Reichs Kurfürst, Landgrafen in Thüringen und Markgrafen zu Meissen, meinem gnädigsten Herrn.

Gnade und Friede in Christo. Durchlauchtigster Hochgeborner Fürst, Gnädigster Herr! Ich habe jetzt freilich Ursache, zu E. K. F. G. zu schreiben, wenn ich nur wohl schreiben könnte, nachdem der allmächtige Gott uns das Haupt, unsern Gnädigsten Herrn Kurfürsten, E. K. F. G. Bruder, in solcher gefährlicher, greulicher Zeit hat weggenommen, und uns so lassen im Jammer stecken, sonderlich E. K. F. G., auf die alle dieß Unglück sämmtlich fället, daß auch E. K. F. G. wohl mit dem Psalter mag sagen (Ps. 30, 13.): Es haben mich Unfall umgeben, der keine Zahl ist, und sind mehr denn Haar auf meinem Haupte, daß ich auch nichts mehr sehen kann rc.

Doch treu ist Gott, und läßt nicht seinen Zorn über die Barmherzigkeit walten, bei denen, die ihm vertrauen, sondern gibt auch Muth und Kraft zu tragen, und endlich Wege und Weise, wie mans los werde, daß wir auch wiederum mögen mit dem Psalter sagen (Ps. 118,18.): Der Herr hat mich wohl gestäupt, aber er hat mich dem Tode nicht überantwortet. Und abermal (Ps. 34, 2t).): Die Gerechten, das ist, die Gläubigen, müssen viel Unglücks leiden; aber der Herr erlöset sie aus den allen.

So tröstet auch Salome, und spricht (Sprüchw. 3, 11, 12.): Welchen Gott lieb hat, den züchtiget er, und hat seine Luft an ihm, gleichwie an einem Sohne; drum mein Sohn, wirf nicht von dir Gottes Strafe, und werde nicht müde, wenn du von ihm gezüchtiget würdest. Und Christus selbst (Joh. 16, 33.): In der Welt werdet ihr Gedränge haben, aber in mir den Frieden.

Das ist die Schule, darinnen uns Gott züchtiget, und lehret auf ihn trauen, auf daß der Glaube nicht immer auf der Zunge und in den Ohren schwebe, sondern auch im Grunde des Herzens rechtschaffen werde. In dieser Schule ist jetzt E. K. F. G. freilich auch, und hat Gott das Haupt ohne Zweifel weggenommen, auf daß er selbst an dessen Statt desto näher zu E. K. F. G. komme, und lehre Sie dieses Menschen tröstliche und liebliche Zuversicht lassen und übergeben, und alleine an seiner Güte und Kraft stark und getrost werden, der viel tröstlicher und lieblicher ist.

Solches habe ich jetzt E. K. F. G. in der Eile zum Trost geschrieben, E. K. F. G. wollt es gnädiglich annehmen, und sich weiter im Psalter und der heiligen Schrift, die allerlei Trosts voll ist, ergötzen. Hiemit Gott befohlen. Am Montag nach Cantate, 1525.

E. K. F. G.
unterthäniger
D. Martin Luther.

Quelle:
Luthers Volksbibliothek Zu Nutz und Frommen des Lutherschen Christenvolks ausgewählte vollständige Schriften Dr. Martin Luthers, unverändert mit den nöthigen erläuternden Bemerkungen abgedruckt. Herausgegeben von dem Amerikanischen Lutherverein zur Herausgabe Luther’scher Schriften für das Volk Siebenter Band St. Louis, Mo. Druck von Aug. Wiebusch u. Sohn. 1862

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