Mantz, Felix – Protestation und Schutzschrift an den Rat von Zürich

Mantz, Felix – Protestation und Schutzschrift an den Rat von Zürich

Weise, fürsorgende, gnädige, liebe Herrn und Brüder!

Eure Weisheit wissen wohl, daß viele ungewöhnliche Gespräche stattgefunden haben. Einerseits meinen einige, man müsse neugeborene Kinder, die gerade aus dem Mutterleib kommen, taufen; denn das könne aus der Heiligen Schrift bewiesen werden. Die andern wissen und glauben auf Grund ihres Studiums göttlicher Schrift – und zwar mit Recht -, daß die Kindertaufe schlecht und falsch ist, vom Antichristen stammt und von ihm erdacht ist. Zu diesen gehöre auch ich und werde von einigen als Aufrührer und Unmensch angesehen und angezeigt. Das geschieht mir aber unbillig und zu Unrecht. Es kann auch in Wahrheit niemals nachgewiesen und belegt werden, daß ich irgendwo Aufruhr gestiftet habe oder daß ich irgendwo irgendwen etwas gelehrt oder zu ihm gesprochen habe, was Aufruhr gebracht hat oder bringen kann. Das werden alle, mit denen ich je zu schaffen gehabt habe, von mir bekennen. Deshalb geschieht mir Unrecht. Da man mich nun (wenn auch ohne Grund) so einschätzt, halte ich es für nötig, Euch, meinen gnädigen, lieben Herrn, Rechenschaft und Begründung meines Glaubens zu geben. Ich meine, die Wahrheit hätte sich durchgesetzt, wenn die Sache Euch zu Ohren gekommen wäre. Denn als wir sie mehrmals Euren Hirten vortrugen, haben sie wohl stets mit uns verhandelt, aber das, was beschlossen war, daß man nämlich die Schrift reden lassen sollte und daß wir nichts hinzufügen oder abstreichen sollten, das ist nie in Erfüllung gegangen. Sie haben wohl ihre Meinung vorgetragen, aber nicht mit Schriftstellen begründet. Wir konnten nicht zum Sprechen kommen und auch die Schrift konnte nicht gehört werden. Hinzukommt, daß sie einem das Wort im Hals verstopfen, wenn sie glauben, daß jemand etwas zur Wahrheit sagen will. Sie überfallen einen und verlangen Schriftstellen, wenn sie sie selbst vortragen und der Wahrheit beistehen sollten. Das tun sie, weiß Gott wohl. Sie wissen auch viel besser, als es jemand darlegen kann, daß Christus die Kindertaufe nicht gelehrt hat, daß auch die Apostel sie nicht geübt haben, sondern daß, entsprechend dem Sinn der Taufe, allein die getauft werden sollen, die sich bessern, ein neues Leben annehmen, den Lastern absterben, mit Christus begraben werden und mit ihm in Erneuerung des Lebens aus der Taufe auferstehen. Zum folgenden will ich Eure Weisheit um Gottes und um des gemeinsamen Namens willen, den wir miteinander tragen, gebeten haben: Bitte hört ohne Ansehen der Person, ernstlich, fleißig und wohlwollend der lauteren, klaren Wahrheit zu, wie sie uns durchs Wort offenbart ist; ermeßt wohl, was da angeführt wird, und laßt Euch die kurze Zeit nicht leid sein! Denn es ist, obwohl das Gegenteil behauptet wird, keine kleine Sache, daß die beiden einzigen Zeremonien, die Christus uns hinterlassen hat, anders gebraucht werden, als wie Christus sie befohlen hat.

Zum ersten hat der ewige Rat Gottes einen vorgesehen, der seinem einzigen Sohn ein Vorläufer sein, ihm den Weg bereiten, seinem Volk ihre Laster anzeigen und sie ermahnen sollte, daß sie von ihren Lastern abließen und sich besserten. Denn die Axt liege am Baum, und es werde ein jeder, der nicht gute Früchte gäbe, abgehauen und ins Feuer geworfen. Und denen, die sich bessern wollten, kündigte er das Lamm Gottes an, das die Sünden der Welt hinnehmen werde, und taufte sie so, daß ihnen ihre Sünden vergeben sein sollten durch das künftige Leiden Christi, wenn sie ihr Leben geändert hätten und von nun an rechtschaffene Früchte tun würden. Das findet Ihr Mat. 3, Mark. 1, Luk. 3, Joh. 1. Genau wie Johannes allein die taufte, die – wie ausdrücklich gesagt wird – sich besserten, die bösen Früchte flohen und Gutes taten, so empfingen auch die Apostel vor der Himmelfahrt Christi von Christus einen Befehl, als er sprach: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden; darum geht hin und lehret alle Völker und tauft sie“! Und bei Markus 16: „Wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden.“ Denn als Petrus von Cornelius vorgeladen wurde und man ihm sagte, warum er geholt worden sei, begann er, ihnen darzustellen, wie Christus gekommen sei, gelehrt und Kranke gesund gemacht habe, getötet und wiederauferstanden sei. Dann heißt es wörtlich: „Diesen hat Gott auferweckt am dritten Tage und ihn lassen offenbar werden nicht allem Volk, sondern allein den Zeugen, die zuvor auserlesen waren, wie wir, die wir mit ihm gegessen und getrunken haben, nachdem er auferstanden ist von den Toten. Und er hat uns geboten, daß wir dem Volk predigten und bezeugten, daß er von Gott als Richter der Lebendigen und der Toten eingesetzt worden ist. Das bezeugen alle Propheten, daß durch seinen Namen jeder, der an ihn glaubt, Vergebung der Sünden erlangen wird. Und als Petrus diese Worte noch redete, fiel der Heilige Geist über alle, die diese Rede hörten, und es erstaunten die aus der Beschneidung, und alle, die mit Petrus gekommen waren, glaubten, daß die Gabe des Heiligen Geistes auch den Heiden zugute gekommen sei“ usw. Aus diesen Worten kann man klar erkennen, wie die Apostel den Befehl Christi, wie er oben nach Matthäus zitiert wurde, verstanden, nämlich so: Wenn sie auszögen, sollten sie alle Völker lehren, daß alle Gewalt im Himmel und auf Erden Christus übergeben sei und daß in seinem Namen jedem Vergebung der Sünden widerfahren werde, wenn er an ihn glauben, seinen Sinn ändern und entsprechend rechtschaffene Werke tun werde. Nach Annahme dieser Worte und Empfang des Heiligen Geistes, der sich bei denen, die die Ansprache von Petrus gehört hatten, durch das Hervorbrechen der Zungenreden kundtat, wurden sie auch mit Wasser begossen, damit sie, wie sie innerlich durch den Empfang des Heiligen Geistes gereinigt worden waren, auch äußerlich mit Wasser begossen wurden als Zeichen der innerlichen Reinigung und des Absterbens gegenüber den Sünden. Und daß dies die Bedeutung der Taufe ist, dafür haben wir weiter einen Beleg in der Apostelgeschichte, wenn Paulus erzählt, wie es ihm erging, als er nach Damaskus kam und Ananias folgende Worte zu ihm redete: „Der Herrgott hat dich verordnet, daß du seinen Willen verstehen solltest und sehen, was recht ist, und hören die Stimme aus seinem Munde; denn du wirst bei allen Menschen ein Zeuge der Dinge sein, die du gesehen und gehört hast. Und nun, was verziehest du? Stehe auf und werde getauft und wasch dir die Sünden ab, wenn du des Herren Namen angerufen hast. Und nun, was fehlt dir weiter als nur getauft und von deinen Sünden gereinigt zu werden, nachdem des Herren Name angerufen worden ist?“ Aus diesen Worten sehen wir ganz klar, was die Taufe ist und wann die Taufe gebraucht werden soll, nämlich wenn einer, bekehrt durch das Wort Gottes, seinen Sinn geändert hat und von jetzt an in Erneuerung des Lebens wandeln will (wie Paulus in der Epistel an die Römer im 6. Kapitel klar ausspricht), wenn er abgestorben ist dem alten Leben, beschnitten um sein Herz, mit Christus von den Lastern gestorben, mit ihm begraben in der Taufe und wiederum mit ihm auf -erstanden in Erneuerung des Lebens usw. Wenn man diese erwähnten Dinge den Kindern zuschreibt, so ist das ohne und wider die ganze Schrift.

Solcher und ähnlicher Belege ist die ganze Schrift des Neuen Testaments voll. Aus ihnen habe ich jetzt eindeutig gelernt und weiß es gewißlich, daß die Taufe nichts anderes ist als ein Absterben des alten Menschen und das Anziehen eines neuen, daß Christus die zu taufen befiehlt, die unterrichtet worden sind, daß die Apostel niemanden getauft haben als allein diejenigen, denen Christus verkündigt worden war, und daß sie ohne äußerliche Anzeichen und gewisses Zeugnis oder ohne Begehren niemanden getauft haben. Wer anders redet und lehrt, tut, was er mit keiner Schriftstelle beweisen kann. Ich möchte auch gern einen hören, der mir aus wahrer, klarer Schrift beweisen kann, daß Johannes, Christus oder die Apostel Kinder getauft ‚haben oder gelehrt haben, man solle sie taufen. Da man das nicht nachweisen kann, bedarf es keiner Rede mehr: Die Kindertaufe ist wider Gott, eine Schmähung Christi und ein unter die Füße Treten seines einzigen, wahren, ewigen Wortes. Sie ist auch wider das Beispiel Christi, der dreißigjährig getauft und achttägig beschnitten wurde. Nun hat uns Christus das Beispiel gegeben, damit, was er getan hat, wir auch tun sollen. Deshalb will ich Eure Weisheit freundlich und auf das allerdringlichste gebeten haben: Bitte nehmt mein Schreiben im besten Sinne auf. Denn mir liegt fürwahr nicht an Ehre, Namen oder Ruhm. Auch tue ich solches nicht aus Neid oder Haß, wie man von mir ausgibt, sondern es geht allein darum, daß es die ewige Wahrheit Gottes ist, die niemand überwinden kann. Auch ein Engel im Himmel kann nichts anderes lehren, als was oben dargestellt ist. Das ewige, wahre Wort Gottes wird auch jedem im Herzen singen, daß dies die Wahrheit ist, er sträube sich dagegen oder nicht.

Ich möchte Eure Weisheit auch ermahnt haben, daß Ihr Euch an den Streit über die Götzen erinnert. Zeitweise war er erlaubt, zeitweise galt er als unrecht. Deshalb kam er um sein Leben. Ich bin gewiß, Meister Ulrich versteht die Taufe genauso und noch viel besser. Aber ich weiß nicht, warum er sie nicht verkündigt. Ich weiß aber gewißlich, daß niemand etwas dagegen vermag, wenn man das einzige Wort frei und einfältig darstellt, und daß Gott auch die Pläne der Gottlosen zerstreuen wird. Wenn es in andern Fällen und Greueln seinen Weg gegangen ist, wird es auch hier seinen Weg gehen, man lasse es nur frei und die Wahrheit Wahrheit sein. Daß man aber spricht, es sei nichts daran gelegen, wie man die Taufe feiert, das kann nicht mit Schriftstellen bewiesen werden. Vielmehr will Gott haben, daß wir seine Gebote und Zeremonien einhalten, wie er sie uns geboten hat. Wir haben auch viele Beispiele, daß Gott das Übertreten äußerlicher Gebote schwer bestraft hat, wie die zwei Söhne Aarons, die verbrannt wurden, und andere unzählige Beispiele, die zu erzählen hier zu lang wäre.

Ich möchte Eure Weisheit auch daran erinnert haben, daß bürgerliche und staatliche Rechte durch die Taufe nicht geschwächt oder gebessert werden. Deshalb möchte ich Euch aufs fleißigste gebeten haben: Bitte besudelt Eure Hände nicht mit unschuldigem Blut und meint, Ihr tut Gott einen Dienst, wenn Ihr einige tötet oder verjagt. Es könnte alles unschuldige Blut aus Euren Händen zurückgefordert werden.

Ich möchte Eure Weisheit auch um folgendes gebeten haben. Da Meister Ulrich meint, er könne die Kindertaufe, die von den Päpsten erdacht wurde – obgleich sie den ersten Päpsten und ihren Verordnungen zuwiderläuft, wie aus der Geschichte deutlich wird – und die von Menschen eingeführt und erdacht wurde, mit der Heiligen Schrift beweisen, was ich doch nicht glaube, möchte ich Eure Weisheit aufs allerfleißigste gebeten haben, daß er das schriftlich tue, wie er es immer wieder allen gegenüber angeboten hat, mit denen er zu tun gehabt hat. Ich will ihm gütlich zuhören und antworten. Reden tue ich nicht gern, kann es auch nicht. Denn er hat mich früher so oft mit viel Reden überfallen, daß ich ihm nicht habe antworten können oder durch sein langes Reden zur Antwort nicht gekommen bin. Es wird auch viel Zank und Hader vermieden. Denn wenn man reden würde, könnte er meinen, ich sei ganz in die Knie gezwungen worden.

Als ein Bürger rufe ich also Euch, meine gnädigen, lieben Herren und Brüder, an und erkläre hiermit auch feierlich, daß ich solcher Meinung und Auffassung bin und das nicht ohne besondere Gründe aus heiliger und göttlicher Schrift. Ist nun irgendeiner, sei er, wer er wolle, der auf Grund göttlicher Schrift der Meinung ist, daß man junge, neugeborene Kinder taufen soll, der mag das Euch, meinen Herren, schriftlich und schwarz auf weiß kundtun. Ich will jedem Antwort geben. Ich kann nicht gut disputieren, will es auch nicht, sondern will es mit Heiliger Schrift zu tun haben, und zwar mit solchen Stellen, die klar von der Taufe handeln, daß junge, neugeborene Kinder auf Geheiß Christi von den Aposteln getauft worden sind. Doch glaube ich und weiß es auch, daß das kein Mensch auf Erden nachweisen kann.

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