Zwingli, Huldrych – An Erasmus, Bischof in Schaffhausen

Zwingli, Huldrych – An Erasmus, Bischof in Schaffhausen

Den 1. Jan. 1524

Gnade und Friede vom Herrn. Schon lange nahm ich mir vor, an Dich zu schreiben, lieber Erasmus, doch unterließ ich’s mehr durch Deine als durch meine Schuld; denn unsere Briefe haben ein so wundersames Geschick, daß sie ihrem Verfasser am Wenigsten, dagegen dem, an den sie gerichtet sind, am meisten schaden können. Ich schreibe Dir also einmal, doch als Christ einem Christen; daher Du nicht unwillig sein wirst, und auch ich nichts schreiben werde, was sich nicht mit Gleichmuth ertragen läßt. Denn wenn wir einen und denselben Geist geschöpft haben und athmen, so werden wir auch die gleiche Denkart haben; wenn wir einerlei Meinung, so wird aller Streit sehr weit entfernt sein. Die Sache, die ich mit Dir verhandeln möchte, ist also nicht mein noch Dein, vielmehr mein und Dein, ja nicht mein und Dein, sondern Aller. Was ist sie ferner? Das Evangelium Christi. Da Du die Samen desselben zwischen die Stachel- und Dornsträucher wirfst, glaubte ich, nicht unbillig zu handeln, wenn ich Läufer den Laufenden ermahne. Denn in diesem Streit ist der Neid nicht Begleitet: hier können alle siegen und die Gabe hinnehmen. Wie aber im Treffen ein Krieger den andern zur Erwerbung des gemeinsamen Heils ermuntert, so sollen auch wir einander ermuthigen, und zwar um so mehr, je kühner wir den Feind einfallen sehen. Doch möchte ich von Dir nicht so verstanden werden, daß ich Dich nicht mehr zum tapfern, als zum klugen Kämpfen mahne. Denn ich bin längst derjenigen gehörig überdrüssig, welche durch ihre Freiheit Alles zu Grunde richten; aber bei Deinem richtigen Gemüthe und Glauben (wie ich höre) lebe so vorsichtig, und lehre Alles fest und ohne sonderliche Bissigkeit, daß Niemand Deine Lehre widerlege, noch Dein Leben mit Recht tadeln kann. Wenn es Einige gibt, die das Wort des Herrn für nichts achten, was thut dieß? Ist es doch denen köstlich, die des Herrn sind, die nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Gott geboren sind. Um dieser willen darf uns kein Ueberdruß ankommen, selbst wenn jene es nicht nur verachten, sondern auch durch Schmähworte geißeln und verfolgen. So muß man meines Erachtens der Heerde des Herrn, wenn sie ganz klein und gering ist, ebenso Glauben schenken, als wenn sie sehr groß wäre. Den, der nur Ein Talent empfangen hatte, entschuldige es nicht, daß ihm am Wenigsten anvertraut war. Gleicherweise wirst Du denken: weil nur Wenige Christum aufnehmen, darf ich nicht läßiger handeln, sondern soll um so klüger wachen, damit die Heerde meines Herrn ins Unendliche wachse. Dieß übermache ich Dir, lieber Erasmus, als Gast- oder Neujahrsgeschenk, an diesem meinem Geburtstage, zugleich als einen glücklichen und günstigen Anfang unserer Freundschaft, damit Du meine Gesinnung gegen Dich und meine Geneigtheit zu jedem Dienste erkennest. Was in diesen Tagen zu Bern verhandelt wurde, mag Hubelmann erzählen.

Lebe wohl durch den Herrn.

Quelle:
Auserlesene geistvolle Briefe Der Reformatoren und sonstiger bedeutender Männer der evangelischen Kirche Zur christlichen Erbauung und Belehrung von C.E. Renner, evangelischem Pfarrer. Stuttgart. C. Cammerer (früher H. W. Beck’s Verlag.) 1862

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