Luther, Martin – Unterricht dem Rath zcu alten Stettin zugeschickt der geystlichen freyheyt betreffen. 1523

Luther, Martin – Unterricht dem Rath zcu alten Stettin zugeschickt der geystlichen freyheyt betreffen. 1523

Wuittemberg

Gnad und frydt in Christo / Ersamen weysen lieben heren unde freundt / Ewer weyßteytt schriefft / sampt der unterrichtunge / des nadels zwischen euch unnd den Thumbherren / hab ich entpfangen / und vernomen / und dieweyl yr mein gutduncken und meynung begerent / weyß ich euch meinen dinst nit zuversagen /

Erstlich las ich den vertrack / so zwischen euch auffgericht / in seynen wirden stan / den ich mich versehe / das recht lauts des vertracks / werdt euch hyer inne wol helffen / Aber die sach anyr selbest / und ob schon keyn vertrack ye gescheen were / Ist der gestalt / das / wen die Thumbherren wolten cristlich und Gotlich handelen / solten sie / unangesehen / aller irer Keyserlicher oder Bebstlicher freyheit vertrack / recht und gewonheyt / sich selbest willigklich ergeben / gemeine last der Stat / gleich andern Burgern traen / darzu / sint sie es schuldig zuthun / auß dem Evangelio / do Cristus Math. 17. dem Keyser zyns gibt / und Math. 22. spricht / Gebt dem keyster / was des Keysers ist / unnd Paulus Rom. 13. spricht / Ein igliche sele sey der oberkeytt unterthan / unnd gebet schos dem das schos geburt / zol demder zol geburt / Des gleychenn auch S. Petrus leert / Auß disem gebot / hat er nymant gezogen / er sey priester oder ley / wil der anders cristen sein.

Und ob sie wolten furgeben / das keyser und weltlich oberkeytt / habenn solichs zuthun / sich selbest begeben und bewilligt / Szo ist offenbar / das der Keyser nicht mag vergeben / das nicht sein ist / oder das wider Got ist / darzu ob es bestundt solch begeben /dieweyl doch nun solch freyheyt / aller welt zu schwer worden / und in untreglichen mißbrauch gekomen / Ists wider got / gewesen / liebe / auch wider vernunfft und recht sie lenger zu dulden / Sunder / sie sint schuldig / umb gemeine beschwerung zu meyden / sich des alles verzeyen / Aber diß ist ein volck / das wider bruderlich noch Cristlich gedenckt zu leben / sunder mit dem kopff hindurch trutzen / biß das sie des hasses zuvil auff sich laden / darumb weyß ich hie nicht wider rath / den das sie E. M. solcher cristlicher pflicht freuntlich erynnerr / wo das nit hilfft / darzu thun / durch gemeine ordenunge / das sie nach dem Evangelio oder oberkeytt unterthan sindt / wen diß ist uncristlich / Ja auch unnaturlich gemeyns nutzs und schutzunge genissen / und doch nicht auch gemeinelast / und abbruch tragen / ander leut laszen arbeyten und sie einerndten / Sonderlich dieweyl nun offenbar wordenn ist / das man yres wesens nichts bedarff und sie nichts darfur thun / sonder uns biszher vorfurt haben / mit yren geystlichen Jarmercken. Hiemit bevilh ich euch got / der E. M. sein genad gebe / solches unnd alles anders Cristlich und seliglich auszfuren amen. Geben zu Vuittemberg am sontag nach Epiphanie.

Martinus Luther

Den Ersamen und weysen hern Burgermeistern und Ratht der Stat alten Stettin / meynen besonder gunstigen hernn.

(Erfurt 1523)

Quelle:
Dr. Martin Luthers Briefe an Frauen als Pfingstgabe für die deutsche protestantische Frauenwelt. zusammengestellt von Dr. K. Zimmermann Darmstadt Buchdruckerei von Heinrich Brill 1854

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