Luther, Martin – An Johann Heinrich, Grafen von Schwarzburg 12. December 1522

Luther, Martin – An Johann Heinrich, Grafen von Schwarzburg 12. December 1522

Dem Edlen und Wohlgebornen Herrn, Herrn Johanns Heinrich, Comes de Grubzrawhs (Schwarzburg) ec. meinem gnädigen Herrn.

Gnade und Friede in Christo. E.G. Schrift, Gn. Herr, samt E.G. Vater mit eingelegten Briefen habe ich unterthäniglich empfangen durch Herrn Anshelm von Tettau, Ritter, und vernommen. Nun weiß E.G., daß Gott geboten hat vielmal, daß man kein Urtheil stellen noch schließen soll auf eines Parts Anklage, das andere Theil werde denn auch verhört, wie gerecht oder ungerecht immer eine Part sey. Derohalben ich auch hierinnen der Mönche halben nicht endlich rathen noch schließen kann. Denn daß man sie unberufen und unverhört verjagen sollte, will sich nicht leiden, wie der Herr Adam, Cain und die Babylonier nicht richten wollte, er rufet ihnen denn zuvor und höret sie. Mein Rath ist aber der, dieweil E.G. Vater den Mönchen die Pfarre übergeben hat, mit dem Bedinge, daß sie ihre Observanz halten sollen, und zuvor für allen Dingen das Evangelium zu predigen, daß dieselben E.G. vor sich bescheide und berufe, und im Beywesen etlicher verständiger Leute ihnen solches Vorhalte und sie beschuldige, darnach ihre Antwort darauf höre. Findet sichs öffentlich also, daß es ist, wie sie beschuldiget sind, so hat E.G. Macht und Recht, ja ist auch schuldig, ihnen die Pfarre zu nehmen, und dieselbe mit einem frommen, gelehrten Manne zu bestellen, der das Volk recht lehre; denn es ist nicht Unrecht, ja das höchste Recht, daß man den Wolf aus dem Schafstalle jage, und nicht ansehe, ob seinem Bauche damit Abbruch geschehe. Es ist keinem Prediger darum Gut und Zinse geben, daß er Schaden, sondern Frommen schaffen solle. Schaffet er nicht Frommen, so sind die Güter schon nimmer sein. Das ist meine kurze Antwort auf diese Frage; begibt sich die Sache weiter nach diesem Anfang, will ich gerne weiter dienen, womit ich vermag.

Hiemit befehl ich E.G. in Gottes Hulden, der gebe E.G. Geist und Stärke, hierinnen göttlich zu fahren, Amen. Am Freytage nach St. Nicolai in Wittenberg 1522.

E.G. Diener

Mart. Luther

Quelle:
Dr. Martin Luthers Briefe, Sendschreiben und Bedencken, vollständig aus den verschiedenen Ausgaben seiner Werke und Briefe, aus andern Büchern und noch unbenutzten Handschriften gesammelt, kritisch und historisch bearbeitet von Dr. Wilhelm Martin Leberecht de Wette, Professor der Theologie zu Basel. Erster Theil. Luthers Briefe bis zu seinem Aufenthalt auf Wartburg Berlin, bey G. Reimer 1825

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