Philipp Melanchthon an Ambrosius Blarer

Philipp Melanchthon an Ambrosius Blarer

„Laß dich nicht bestimmen, zu jenen Schwarzröcken zurückzukehren, denn du kannst ohne öffentliche Schande und Schaden des Evangeliums deinen Fuß nicht mehr zurücksetzen. Die Feinde Christi würden es deuten, als ob du, vom Gewissen gedrungen, unter der Verdammung des Evangeliums der Freiheit deiner That dich gereuen ließest. Im Uebrigen bitte ich dich, falls deine Umstände nicht ein Anderes erheischen, du mögest dein Ordensgewand nicht ablegen, damit du wenigstens in diesem Punkt dem Unverstand der Menge Rechnung tragest, bis die Zeit ein Anderes gebietet. Denn hierin, dünkt mich, sollen die Besten so wenig als möglich von ihrem Rechte Gebrauch machen wollen, vielmehr den Anderen nachgeben und Aergerniß verhüten, so weit es immer angeht. Also hat Christus, also haben die Apostel gethan. Selbst Martin wollte Alles eher als sein Augustinerkleid ablegen oder in irgend einer, wenn auch noch so unwesentlichen Ceremonie, wenn sie nur dem Evangelium nicht zuwiderlaufe, einem Bruder Aergerniß geben. Du weißt, daß es bei euch einige fanatische Christen gibt, welche das Bekenntniß Christi nur ins Fleischessen und sonstigen heidnischen Wahn setzen. Sie nennen sich bald Lutheraner bald Evangelische, und doch belasten sie den Namen des Evangeliums mit solcher Schande, daß ich fast wünschen möchte, die Papisten sollen in ihrer Verfolgungswuth gegen die Bekenner des Evangeliums fortfahren, damit dadurch jener Bodensatz unseres Lagers abgeschreckt werde, sich fälschlich diesen heiligen Namen anzumaßen. Bedenke, daß du Christum bekennst, also das Kreuz tragen und dich auf das Aeußerste gefaßt halten mußt, nachdem du jenen Dickbäuchen den Rücken zugekehrt hast. Ich achte dich nicht für einen solchen Neuling im Christenthum, daß du meines Rathes bedürftest oder nicht wüßtest, in welcher Gestalt sich Christus uns zu erkennen gebe, nemlich in jenem verachteten und von der Welt verdammten Zeichen des Kreuzes.“

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