Luther, Martin – An den Erzbischof Albrecht von Mainz, Dezember 1521

Luther, Martin – An den Erzbischof Albrecht von Mainz, Dezember 1521

[1. 12. 1521]

Mein willige Dienste seien Euer Kurfürstlichen Gnaden, Hochwürdigster, gnädigster Herr, zuvor.

Es hat ohn Zweifel Euer Kurfürstlichen Gnaden in gutem, frischem Gedächtnis, wie ich an Euer Kurfürstlichen Gnaden zweimal latinisch geschrieben, das erst im Anfang des lügenhaften Ablaß, so unter Euer Kurfürstlichen Gnaden Namen ausging, darinnen ich Euer Kurfürstlichen Gnaden treulich warnet, mich aus christlicher Liebe entgegensetzet den wüsten, verführischen, geldsüchtigen Predigern, und den ketzerischen, abgläubigen Büchern. Und wiewohl ich hätte mügen den ganzen Sturm, wo mir Unbescheidenheit gefallen, auf Euer Kurfürstlichen Gnaden treiben, als auf den, der solches unter seinem Namen und Wissen handhabet, mit ausgedrucktem Titel auf den ketzerischen Büchern geschrieben; habe ich doch Euer Kurfürstlichen Gnaden und des Hauses zu Brandenburg verschonet, gedacht, Euer Kurfürstlichen Gnaden thät solchs aus Unverstand und Unerfahrung, durch andere falsche Ohrenbläser verführet, an welche ich mich allein gehängt, wie mit mancher Mühe und Fahr, ist Euer Kurfürstlichen Gnaden wohl wissend.

Es hat aber solche meine treue Vermahnung Spott, und bei Euer Kurfürstlichen Gnaden Undank für Dank erlanget. Habe ich zum andern Mal aufs Unterthänigst geschrieben, mich erboten, Unterricht von Euer Kurfürstlichen Gnaden zu nehmen: Ist mir eine harte, unartige, unbischoffliche und unchristliche Antwort worden, die Unterricht mir zu thun, auf höher Gewalt geschoben. So denn nu die zwo Schriften nichts geholfen, lasse ich dennoch nicht abe, will dem Evangelio nach auch die dritte Warnung an Euer Kurfürstlichen Gnaden auf Deutsch thun, obs helfen wollt, so überflüssiges, unverpflichtes Warnen und Flehen.

Es hat itzt Euer Kurfürstlichen Gnaden zu Halle wieder aufgericht den Abgott, der die armen, einfältigen Christen umb Geld und Seele bringet; damit frei offentlich bekannt, wie alle ungeschickte Tadel durch den Tezel geschehen, nicht sein allein, sondern des Bischoffs von Mänz Muthwill gewesen sind, der auch, unangesehen mein Verschonen, ihm [sich] das allein zumessen will. Es denkt vielleicht Euer Kurfürstlichen Gnaden, ich sei nu von dem Plan, will nu für mir sicher sein, und durch die Kaiserliche Majestät den Münch wohl dämpfen. Das lasse ich geschehen, aber noch soll Euer Kurfürstlichen Gnaden wissen, daß ich will thun, was christliche Liebe fodert, nicht angesehn auch die höllischen Pforten, schweige denn Ungelehrte, Päpste, Cardinäl und Bischoffe. Ich wills weder leiden noch schweigen, daß der Bischoff von Mainz sollte fürgeben, er wisse nicht, oder ihm gebühre nicht, Unterricht zu thun, wenn ein arm Mensch von ihm begehrt, und wolle doch wohl darumb wissen, und frechlich für und für fahren, wenn es ihm Geld tragen soll. Mir nicht des Schimpfs [mit mir darf man nicht scherzen], man muß anders davon singen und hören.

Ist derhalb an Euer Kurfürstlichen Gnaden mein unterthänige Bitte, Euer Kurfürstlichen Gnaden wollte das arme Volk unverführt und unberaubet lassen, sich einen Bischoff, nicht einen Wolf erzeigen. Es ist lautbar gnug worden, wie Ablaß lauter Büberei und Trügerei sei, un allein Christus dem Volk soll prediget werden, daß Euer Kurfürstlichen Gnaden nicht mag durch Unwissenheit entschuldiget werden.

Euer Kurfürstlichen Gnaden wollten eindenken sein des Anfangs, welch ein greulich Feur aus dem kleinen, verachten Funklin worden ist, da alle Welt so sicher für war, und meinet, der einige arme Bettler wäre dem Papst unmeßlich zu geringe, und nehme unmuglich Ding für. Noch hat Gott das Urtheil troffen, dem Papst mit alle den Seinen übrig genug zu schaffen gegeben, wider und über aller Welt Meinung das Spiel dahin geführt, daß dem Papst schwerlich wiederzubringen ist, wird auch täglich ärger mit ihm, daß man Gottes Werk hierin zu greifen vermag. Derselbig Gott lebet noch, da zweifel nur Niemand an, kann auch die Kunst, daß er einem Cardinal von Meinz widerstehe, wenn gleich vier Kaiser ob ihm hielten. Er hat auch sonder [sonderliche] Lust, die hohen Cedern zu brechen, und die hochmuthigen, verstockten Pharaones zu demuthigen. Denselbigen, bitte ich, wollt Euer Kurfürstlichen Gnaden nicht versuchen noch verachten, seiner Kunst und Gewalt ist keine Maß.

Euer Kurfürstlichen Gnaden denken nur nicht, daß Luther todt sei: er wird auf den Gott, der den Papst demuthiget hat, so frei und frohlich pochen, und ein Spiel mit dem Cardinal von Mänz anfahen, deß sich nicht viel versehen. Thut, lieben Bischoffen, zusammen [legt euer Bischofsamt nieder], Jungherrn muget ihr bleiben, diesen Geist sollet ihr noch nicht schweigen noch täuben; widerfähret euch aber ein Schimpf daraus, deß ihr euch itzt nicht versehet, so will ich euch hiemit verwarnet haben.

Darumb sei Euer Kurfürstlichen Gnaden endlich und schriftlich angesaget: wo nicht der Abgott wird abgethan, muß ich göttlicher Lehre und christlicher Seligkeit zu gut mir das lassen eine nöthige, dringende und unvermeidliche Ursach sein, Euer Kurfürstlichen Gnaden, wie den Papst, öffentlich anzutasten, solchem Fürnehmen fröhlich einzureden [dreinzureden], allen vorigen Greuel des Tezels auf den Bischoff zu Mainz treiben, und aller Welt anzeigen Unterscheid zwischen einem Bischoff und Wolf. Da mag sich Euer Kurfürstlichen Gnaden nach wissen zu richten und zu halten. Werde ich veracht, so wird einer kommen, der den Berächter wieder verachte, wie Esaia sagt. Ich hab Euer Kurfürstlichen Gnaden gnug vermahnet, es ist hinfort Zeit nach S. Paulus Lehre, die öffentlichen Ubelthäter für aller Welt öffentlich berüchtigen, verlachen und strafen, daß die Aergerniß werde von dem Reich Gottes getrieben.

Zum anderen bitte ich, Euer Kurfürstlichen Gnaden wollten sich enthalten, und die Priester mit Frieden lassen, die sich Unkeuschheit zu meiden in den ehelichen Stand begeben haben oder wollen, nicht sie berauben, das ihnen Gott geben hat. Sintemal Euer Kurfürstlichen Gnaden deß kein Fug, Grund, noch Recht mag anzeigen, und lauter muthwilliger Frevel einem Bischoff nicht geziemet. Was hilft doch euch, Bischoffe, daß ihr so frech mit Gewalt fahret, und die Herzen über euch verbittert, und wollet noch muget weder Ursach noch Recht eurs Thun beweisen? Was laßt ihr euch dunken? Seid ihr eitel Giganten und Nimroden von Babylonien worden? Wisset nicht, ihr armen Leute, daß Frevel, Tyrannei, dieweil sie nimmer Schein [Ansehn] hat, das gemein Gebet verleurt, nicht mag lange bestehen? Wie eilet ihr zu eurem Unfall als die Unsinnigen, der euch selbs allzu frühe kommen wird?

Euer Kurfürstlichen Gnaden sehe drauf , wird solchs nicht abgestellt, wird ein Geschrei sich aus dem Evangelio [von den Anhängern des Evangeliums] erheben, und sagen, wie fein es den Bischoffen anstünde, daß sie ihre Balken zuvor aus ihren Augen rissen, und billig wäre, daß die Bischoffe zuvor ihre Huren von sich trieben, ehe sie fromme Eheweiber von ihren Ehemännern scheideten.

Ich bitte, Euer Kurfürstlichen Gnaden wollten sich selbs behüten, mir Gunst und Raum lassen zu schweigen. Mir ist nicht Lieb noch Lust in Euer Kurfürstlichen Gnaden Schande und Unehre; aber doch wo nicht Aufhören ist, hart zu schänden, und seine Wahrheit zu unehren, bin ich und alle Christen schuldig, an Gottes Ehre zu halten, obgleich alle Welt, ich schweig ein armer Mensch, ein Cardinal, darob müßte zu Schanden werden. Schweigen werde ich nicht, und ob mirs nicht würde gelingen, hoffe ich doch, ihr Bischoffe sollt euer Liedlin nicht mit Freuden hinaus singen. Ihr habt sie noch nicht alle vertilget, die Christus wider euer abgottisch Tyrannei erweckt hat.

Hierauf bitte und warte ich Euer Kurfürstlichen Gnaden richtige schleunige Antwort, inwendig 14 Tagen, denn nach bestimpten 14 Tagen wird mein Buchlin wider den Abgott zu Halle ausgehen, wo nicht kommet eine gemeine Antwort [eine öffentliche Antwort, weil Luthers Aufenthalt unbekannt war]. Und ob diese Schrift würde durch Euer Kurfürstlichen Gnaden Rathleute unternommen [unterschlagen], daß sie nicht zu Handen käme, will ich mich deß nicht lassen aufhalten. Rathleute sollen treue sein: so soll ein Bischoff seinen Hof ordenen, daß für [vor] ihn komme, was für [vor] ihn kommen soll. Gott gebe Euer Kurfürstlichen Gnaden seine Gnade zu rechtem Sinn und Willen. Geben in meiner Wüsterei [Wartburg] Sonntag nach dem Tag Catharinae 1521. [1. XII.]

Euer Kurfürstlichen Gnaden williger und unterthäniger

Mart. Luther.

 

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