Luther, Martin – An Spalatin. Aus dem Lateinischen. Wittenberg den 18. Januar 1518

Luther, Martin – An Spalatin. Aus dem Lateinischen. Wittenberg den 18. Januar 1518

Segen von Jesus Christus zuvor! Bester Herr Spalatin! Die Auskünfte, die Ihr bisher von mir begehrt habt, war ich fähig oder vermessen genug, zu erteilen. Wenn Ihr aber nun einen Wegweiser für die Durchforschung der Heiligen Schrift verlangt, so geht das weit über meine Kräfte; suche ich doch für mich selbst vergebens einen Führer in diesem unwegsamen Gebiete. Denn jeder denkt darin anders, und besonders gilt das gerade von den gelehrtesten und klügsten Köpfen. Da habt Ihr z.B. Erasmus, der dem heiligen Hieronymus diese Bedeutung in Theologie und Kirche öffentlich zuspricht und ihn allein gelten lassen will.

Wenn ich nun meinerseits den heiligen Augustin gegen ihn ausspiele, so wird man meine Entscheidung nicht allein wegen meiner Zugehörigkeit zu seinem Orden leicht als ungerecht verdächtigen, sondern auch wegen des verbreiteten und schon längst eingebürgerten Ausspruchs des Erasmus, “ es wäre die größte Schamlosigkeit, wolle jemand Augustin mit Hieronymus vergleichen.“ Auch andere Gelehrte haben ihre besondern Anschauungen in diesem Punkt. Ich selber möchte in Anbetracht meines geringen Wissens und meiner geringen Begabung nicht wagen, über so wichtige Fragen neben so maßgebliche Entscheidungen eine eigene zu stellen. Und schließlich hält mich von einer freien Aussprache meine Gewohnheit zurück, vor Männern, welche die wahre Wissenschaft aus Vorsatz hassen oder ihr aus Trägheit fremd sind – und wer gehört nicht zu diesem Kreis? – den Erasmus mit hohem Lob zu erheben, und ich hüte mich mit aller Kraft und allem Fleiß, mit Dingen herauszuplatzen, über die ich andrer Meinung bin als er, damit kein Wort von mir ihre Mißgunst gegen ihn verstärken soll. Wiewohl sich nun bei Erasmus vieles für die Erkenntnis Christi Unwesentliche findet – um als Theologe und nicht als Grammatiker zu urteilen -, so würde doch auch Hieronymus selbst, dessen Preis Erasmus mit so lautem Heroldsruf ertönen läßt, nirgends etwas Gelehrteres und Geistvolleres zu sagen wissen. Darum würdet Ihr Eure Freundespflicht verletzen, wolltet Ihr die Meinung, die ich über Erasmus hier ausspreche, irgend einen Dritten wissen lassen. Dies fordere ich mit gutem Bedacht von Euch. Ihr wißt, es gibt viele, die mit allem Fleiß nach Gelegenheit suchen, die wahre Wissenschaft zu schmähen. Haltet meine Worte also geheim und schenkt ihnen auch nicht eher Glauben, als Ihr selber gelesen und geprüft habt. Wollt Ihr aber auch meine eigene Methode durchaus kennen lernen, so will ich Euch als meinem besten Freund unter der einen Bedingung nichts vorenthalten, daß Ihr mir nur nach eigner Prüfung darin folgt.

Zunächst ist unbedingt sicher, daß weder Fleiß noch Verstand zum vollen Verständnis der Heiligen Schrift ausreicht. Darum ist Eure vornehmste Pflicht, mit Gebet anzufangen und zu flehen, wenn es dem Herrn gefalle, durch Euch etwas zu seiner und nicht zu Eurer oder eines Menschen Ehre auszurichten, so möge Er Euch aus seiner großen Barmherzigkeit das rechte Verständnis seiner Worte verleihen. Denn es ist kein Meister der Worte Gottes, als der sie selbst gesprochen hat, wie Christus sagt: „Sie werden alle von Gott gelehret sein.“ Ihr müßt also an der Macht Eures eigenen Fleißes und Verstandes verzagen und lediglich auf die Wirkung des göttlichen Geistes bauen. Trauet mir; ich habe es erfahren. Hat dann aber diese demütige Verzweiflung bei Euch festen Fuß gefaßt, lest die Bibel vom Anfang bis zum Ende hindurch und prägt Euch zunächst den einfachen Gang der Ereignisse ein. Bei dieser Aufgabe, die Ihr gewiß schon längst gelöst habt, bietet der heilige Hieronymus sowohl in seinen Episteln wie in seinen Kommentaren eine treffliche Hilfe. Dagegen zur Erkenntnis Christi und der göttlichen Gnade, d.h. zum tieferen Verständnis des geistlichen Inhalts, scheinen mir Augustin und Ambrosius bei weitem dienlicher, vor allem da Hieronymus sich durch Origines zu sehr zu allegorischen Deutungen verleiten läßt. Ich möchte dies unbeschadet dem Urteil des Erasmus ausgesprochen haben; begehrtet Ihr doch nicht seine, sondern meine eigene Meinung zu hören.

Den Anfang würdet Ihr, wenn Euch mein Lehrplan zusagt, mit des Augustin Buch „vom Geist und Buchstaben“ machen, das Karlstadt, unser unvergleichlich arbeitsamer Freund, jetzt mit trefflichen Erläuterungen herausgegeben hat; dann folge die Schrift gegen Julian; desgleichen die gegen die zwei Briefe der Pelagianer. Von Ambrosius käme die Schrift von der Berufung aller Völker hinzu, die zwar nach Stil, Geist und Zeitrechnung einem andern Verfasser zugehören muß, aber doch voller Gelehrsamkeit ist. Das Weitere später, wenn Ihr an dem Genannten Freude gefunden habt und mir die Kühnheit verzeiht, mit der ich auf einem so schwierigen Gebiet über die bedeutendsten Gelehrten hinauszugehen wage.

Des Erasmus Verteidigungsschrift werde ich Euch zusenden. Ich bedaure sehr, daß unter den ersten Fürsten der Wissenschaft ein so mächtiger Streit entbrennen mußte. Ist Erasmus auch weit überlegen und schreibt er auch viel besser, so ist sein Ton doch auch reichlich bitter, wie sehr er sich auch bemüht, die Freundschaft zu wahren.

Lebt wohl.

In unserem Kloster am Tage St. Priscae 1518. Ihr sehr, daß ich Euch noch am selben Tage antworte.

Bruder Martinus Eleutherius

Staupitz hält sich in München auf, wie ein Brief beweist, den ich soeben daher von ihm empfing.

Quelle:
Martin Luther Briefe In Auswahl herausgegeben von Reinhard Buchwald Erster Band Leipzig / Im Inselverlag / mdccccix

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