Calvin, Jean – An Blaurer in Winterthur (618)

Calvin, Jean – An Blaurer in Winterthur (618)

Nr. 618 (C. R. – 3161)

Ambrosius Blaurer, bisher in Biel, war seit kurzem in Winterthur Pfarrer. Jakob Leyner war wohl ein Verwandter des in Nr. 344 erwähnten Kaufmanns Hans Leyner von St. Gallen in Lyon. Der Pariser Parlamentsrat Anna du Bourg war am 10. Juni 1559 auf persönlichen Befehl Heinrichs II. verhaftet und am 21. Dezember 1559 verbrannt worden; sein Oheim, Antoine du Bourg, war der Kanzler von Franz I. gewesen.

Von Gottes unerschöpflicher Gnade und dem Märtyrertod des Anna du Bourg.

Jakob Leyner hatte rechtzeitig in meinem Hause sagen lassen, dass heute Kaufleute hier durchreisten, denen ich gut einen Brief an dich anvertrauen könne; aber durch die Vergesslichkeit meines Famulus bin ich doch erst zu spät darauf aufmerksam gemacht worden. So musst du verzeihen, wenn mich der Zeitmangel zur Kürze zwingt, edelster Mann und von Herzen verehrter Bruder. Du fragst mich, wie man Leute, die schon öfters in dieselben Sünden zurückgefallen sind, in ihrem Gewissen aufrichten und wieder zu guter Hoffnung bringen könne, gerade als ob ich bessere Auskunft geben könnte als du, der mich an Erkenntnis und praktischer Erfahrung weit übertrifft. Damit du aber siehst, dass ich nichts höher schätze, als dir einen Gefallen erweisen zu können, will ich mich nicht zieren, sondern versuchen, zu sagen, was ich weiß. Erstlich stimme ich dir darin bei, dass sich in der Schrift kein besonderes Beispiel dafür findet. Denn wir lesen darin von keinem Menschen, der Reue zeigte und sich dann doch wieder öfters im Netz der gleichen Sünde verstrickte. So sehr ich nun aber auch den Wert der Beispiele zur Bestätigung der Lehre anerkenne, so dürfen wir doch auch, wo dieses Hilfsmittel fehlt, uns ruhig auf die Lehre allein verlassen. So müssen wir also sehen: was lehrt die Schrift darüber? Zweifellos rufen die Propheten alle Menschen zur Buße, nicht nur die einmal Abgefallenen, sondern auch solche, die in verstockter Verachtung Gottes stets wieder in Sünden aller Art fielen, oder zwar zur Buße heuchelten und dann doch wieder zu ihrer natürlichen Art umkehrten. Oft klagen sie die Israeliten treulosen Betruges an, weil sie falsch und listig Gottesfurcht heuchelten, die sie gar nicht hatten, oder mit betrügerischer Bekehrung Gott und seine Knechte verspotteten. Trotzdem, wenn sie zur Buße riefen, gaben sie ihnen doch wieder Hoffnung, Verzeihung zu finden. Obwohl das sich bei fast allen Propheten findet, so geht es doch am deutlichsten aus Jeremias Schriften hervor. Auch hat Gott nicht umsonst im Gesetz täglich wiederholte Opfer vorgeschrieben, teils für das ganze Volk, teils für den einzelnen, sowohl für die unwissentlich, als für die mit Absicht begangenen Sünden. Denn wäre nicht auch den öfters rückfälligen Sündern noch Versöhnung bereit, so hätte er nicht sinnbildliche Handlungen, die ja sonst bedeutungslos wären, eingesetzt. Dazu lässt sich auch aus dem 78. Psalm schließen, dass Gott selbst Heuchlern und Verstockten Erhörung schenkt und ihnen vergibt. Als nun schließlich Christus mit dem hellen Licht des Evangeliums kam, da hat er nicht nur verheißen, einmal werde Gott sich seinen Beleidigern gnädig erweisen, sondern er hat den Seinen geboten, in ihrem ganzen Leben zu seiner verzeihenden Güte ihre Zuflucht zu nehmen. Wenn wir nicht umsonst nach seinem ausdrücklichen Gebot täglich beten: Vergib uns unsere Schulden, so darf uns die Hoffnung auf Verzeihung nicht zweifelhaft sein. Wenn derselbe Meister lehrt, man solle dem Bruder siebenzigmal siebenmal verzeihen [Matth. 18, 22], so hat er damit gewiss von den Menschen auch nicht mehr vergebende Liebe gefordert, als wir von Gott erhoffen dürfen, der uns an Barmherzigkeit alle übertrifft. Ebenso beklagt sich zwar Paulus schwer über die Korinther, die zuvor schon gesündigt und keine Buße getan hatten für ihre Unreinheit, Hurerei und Unzucht, aber doch schneidet er ihnen die Hoffnung auf gnädige Vergebung nicht ab, sondern sagt nur, er fürchte, wenn er wieder zu ihnen komme, müsse er Leid tragen über sie (2. Kor. 12, 19 – 21). Darauf bezieht es sich auch, was Paulus sagt vom ständigen Amt, das die Versöhnung predigt, durch das Gott immer wieder seine Kirche mit sich versöhnt (2. Kor. 5, 18 ff.). Denn Paulus spricht hier zu Gläubigen, nicht zu denen, die draußen stehen. Und wenn Johannes Christum als unsern Fürsprecher beim Vater bezeichnet, der Gott uns gnädig macht (1. Joh. 2, 1), so beschränkt er diese Wohltat nicht auf einen Tag, sondern meint damit etwas Dauerndes. Wie denn auch Daniel (9, 6) in dem feierlichen Gebet, durch er seine besondere Sehergabe erlangte, nicht verhehlt, dass Sünde auf Sünde gehäuft und Gottes Strafe durch anhaltende Verstocktheit herausgefordert worden ist. Wenn schließlich im Glaubensbekenntnis auf [eine heilige, allgemeine, christliche] Kirche folgt: Vergebung der Sünden, so gibt uns das Grund zur Zuversicht, so dass wir nicht aufhören, uns bis zum Tode auf Gottes Gnade zu verlassen. Indessen sind doch alle scharf zu ermahnen, jeder in Bezug auf die Sünden, denen er sich unterworfen weiß, nicht nachsichtig zu sein mit sich selbst, sondern auf das Psalmwort zu achten: Heute so Ihr seine Stimme höret, so verstocket Eure Herzen nicht (Ps. 95, 8). Auch sollen sie sich erinnern, wie heftig Gott ergrimmt ist über die, die verknüpft sind mit Ungerechtigkeit [Apg. 8, 23]. Es ist ja fast nichts, was ich geschrieben habe, und doch spüre ich, dass ich für das wenige, was ich zu sagen hatte, noch zu ausführlich geworden bin, weil ich es ja mit einem sehr klugen und vor allem wohl erfahrenen Manne zu tun habe.

Von unsern Angelegenheiten hätte dir Beza ausführlicher und besser berichten können als ich. Aber er ist durch andere Beschäftigungen abgehalten worden; er gibt sich große Mühe mit Predigten und Vorlesungen. Ebenso eifrig ist Viret in seiner Aufgabe; er ist auch körperlich wohler als je zuvor. Mir hingegen ist stetes Kranksein bestimmt, wie ich glaube; so wechselt einer mit dem andern ab. Zwar hats den Anschein, als leiste ich auch noch etwas; aber um meinen Vorlesungen, Predigten und andern Verrichtungen meines Amtes nachkommen zu können, muss ich einen guten Teil der übrigen Zeit im Bette liegen. Wenn mir nicht das Frühlingswetter einige Besserung bringt, muss ich meinen Studien dann den Abschied geben. Die Schwäche in den Beinen ist schon lästig genug, aber noch fataler ist der dumme Unterleib. Neulich bin ich auch an einer starken Lungenblutung fast erstickt. So mahnt mich meine schwache Gesundheit nicht weniger ans Scheiden als dich das Alter. Auch darum ist mir jener letzte Tag umso lieber, weil wir beide dann, aufgenommen in unser himmlisches Erbe, unsere Freundschaft erst recht genießen können. Umso mehr wollen wir unser Gebet gemeinsam darauf richten, dass uns der Vater im Himmel zu gleicher Zeit heimholt. Die Lage in Frankreich wage ich kaum zu berühren, teils weil sie so sehr unsicher, teils weil sie so traurig und unheilvoll ist. Du weißt wohl schon, dass der König, weil er hörte, dass die Mehrheit des Pariser Parlaments Neigung zeige, unsre Brüder milde zu behandeln, auf Betreiben des Kardinals in eine Sitzung kam und die Gründe dafür wissen wollte. Während einige von allzu grausamer Verfolgung abrieten, aber doch zeigten, dass sie unsere Sache nicht billigten, hat einer freimütig und herzhaft die Verteidigung unsrer Sache übernommen und sich nicht gescheut, den Zorn des Königs auf sich zu lenken. Es erschien dem König Heinrich ungehörig, dass sich die Räte durch seine Gegenwart nicht einschüchtern ließen; so brach er denn in höchster Leidenschaft los und hieß den Redner in die Bastille schleppen. Sechs Stunden später wurden weitere sechs ins Gefängnis geworfen, die sich noch viel weniger deutlich ausgesprochen, ja durch Verstellung der Heilslehre verraten hatten. Einige sind ihrer Ehrenstellen verlustig gegangen, andere mit Geldstrafen belegt worden; einer liegt noch in Haft. Der aber, gegen den der König so ergrimmt war, ist vor kurzem verbrannt worden. Selbst seine Feinde preisen ihn als einen in jeder Beziehung vortrefflichen Mann; er zeichnete sich durch ungewöhnliche Rechtskenntnis, große Begabung und treffendes Urteil aus; dazu war er von außerordentlicher Rechtschaffenheit. Weitere Tugenden waren bei ihm durch seine feine Bildung verbürgt. Es war ein Neffe des Kanzlers du Bourg, und seine Brüder hatten ihn wider seinen Willen in seine Ehrenstellung gebracht; denn er hätte ein Leben als Privatmann vorgezogen. Das Ehrfurcht gebietende Wesen und die Würde des Mannes ließ seine Richter lange mit der Entscheidung zögern. Schließlich zwang sie ein Befehl des Kardinals, die Todesstrafe über ihn zu verhängen. Als das grausame Urteil auf Verbrennung bei lebendigem Leibe ausgesprochen wurde, warf er sich auf die Knie und dankte Gott dafür, dass er ihn solcher Ehre würdig erachte, zur Verteidigung seiner ewigen Wahrheit sterben zu dürfen. Vier Stunden harrte er heitern Angesichts auf den Tod. Als er auf die Hinrichtungsstätte gebracht wurde, konnten, trotzdem vierhundert Gardisten ihn umgaben, doch einige beobachten, wie er, als obs zum Schlafen ginge, selbst Rock und Wams ablegte; als der Henker ihm eine Schlinge um den Hals warf, sagte er, das sei nicht nötig; denn er sollte wie üblich an schwachem Feuer geröstet werden. Der Henker antwortete, er habe andern Auftrag, nämlich durch Erdrosselung seine Qual zu verkürzen. Er hatte sein letztes Gebet schon gesprochen; aber nun warf er sich nochmals auf die Knie und dankte Gott. Seit seinem Tod sind nun schon fast anderthalb Monate vergangen; seither sind schon wieder mehrere andere verbrannt worden. Auch uns drohen jeden Augenblick neue Schrecken. Ach, lernten wir doch aus diesen Dingen recht erkennen, was das Leben des Menschen auf Erden ist! Ich besonders, der ich mich aus meiner Erschlaffung immer noch nicht genug aufrütteln lasse! Lebwohl.

[Anfang Februar 1560.]

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