Katharina Zell an Ludwig Rabe – Postscriptum zum vorigen Brief

Katharina Zell an Ludwig Rabe – Postscriptum zum vorigen Brief

P.S. Diesen Brief hab ist euch lieber Herr! so bald ich ihn geschrieben, gewollt schicken, so ist mir doch eingefallen, ich solle es noch nit thun, ich werde sonst euch vielleicht bewegen, daß ihr noch ungeschickter auf den nächsten Sonntag hernacher werdet seyn, hab ihn also im besten behalten, so sind aber auf den Montag und Zinstag gute fromme Bürger zu mir kommen, und klagt, wie ihr noch ungestümer auf den Sonntag, dann am Christag gewesen seyet, da habe ich GOtt gelobt, daß ich euch nicht dazu gereitzet oder beweget habe, und gedachte den Brief gar zu behalten, und euch recht lassen machen, biß euch GOtt selber wehre, und bin seithar in solchen Gedanken blieben stehen. Nun jetzt aber in dieser Wochen ist mir wiederum so ernstlich schlafend und wachend eingefallen, der letzt Befelch meines lieben Manns, daß er euch so lieb gehabt hat, und so er noch lebte, euch solches wehrete und nicht gestattete, auch so es müglich wäre, zu uns zu kommen, er würde mich schelten, daß ich also schwieg wider seinen Befelch, hab mich also in meinen Gedanken lang gewehret, aber zuletzt bey mir meiner nicht mehr können entschuldigen, dieweil ich auch höre, daß nimmer kein Predig von euch und Lenglin fürgehet, Schwenkfeld muß eine Lection darinnen haben, so will ich euch recht diesen Brief lassen zukommen, und ihn GOtt befehlen, er würke recht gut oder böß, oder das Mittel, das ist Verachtung, als eines thorächten Weibs Rede, das schwätzens gewohnt hab. Wolan das alles befehl ich GOtt, der Richter seyn wird, und weißt, was ich (aus seinen Gnaden) gethan hab, der wird es wol vergelten können, und wiedergeben, was man von seinetwegen thut, derselbig treue GOtt erleuchte euer und aller Prediger Herz, zu seinen Ehren und des armen Volks Heil und Seligkeit Amen.

Ich muß aber noch eins verantworten, ihr habet, wie mir die guten Burger gesagt, die liebe Anna im Tempel gelobt, wie auch freilich recht, aber dabey gesagt, die alten Weiber sollten jetzt auch also thun, die Leuth in Tempel und zur Predig mahnen, so führen und weisen sie die Leuth davon rc. Da weiß ich niemand, der es thut, die ihr aber verargwohnet, sind nicht alt, sonder noch junge Vettlen, von denen ich es aber fürwahr nie gehört habe, ich hätte sie sonst darum gescholten, habet ihr dann mich gemeint (als ich es gerne glaube) so bekenne ich, daß ich von meiner Jugend und Jungfrauschaft her, in meines Vaters Hauß, und nicht allein in meiner betrübten Wittwenschaft, sonder auch die Zeit bey meinem lieben frommen Mann vier und zwanzig Jahr und fünf Wochen, biß zum Tag seiner Begräbnuß mit der lieben Anna, der lebendigen und des steinernen Tempels gewartet, und gepfleget habe, auch den HErrn gepriesen und allezeit von ihm geredt, zu allen die sich der Hofnung Israels gehalten haben, ja die elenden und presthaftigen Tempel GOttes, in Gestank und Arbeit getragen und gebauet, da anderer Prediger und sonst hoch Evangelische Weiber in guten rühigen Tagen, mit Hochzeiten, Danz und Hoffart, ja allen Welt-Geschäften sind funden worden, wie wol viel SCheins mit subtilen, geistlichen Worten geführt und noch. Ich habe aber meinem GOtt zu danken, und ihm allezeit gedanket, daß er mich also abgesondert hat, von der Welt, in meines Vaters und Manns Hauß, und zu solchen betrübten Templen (darinnen er wohnet) gebraucht und noch brauchen wird (hof ich) biß an mein End. Dabey hab ich aber auch die Versammlung im äusserlichen Tempel nie geflohen, noch verlassen, sonder mit Ernst besucht von Jugend an, wollts auch noch nit fliehen oder meiden, wann mit GOtt nicht seinen selbst Tempel, meinen armen Knaben und verlassenen Waisen, (den und mich nit viel Prediger in unsern Näthen heimgesucht haben) mit seiner grossen Noth an Halß gehenkt, und in die Hand geben hätt, daran ich wol zu üben habe, was ich länger dann vierzig Jahr, in Predigen und bey mir selbst von GOtt und Christo studiert habe, wollte oft wol lieber und leichter an der Predig sitzen, und dann heraus spazieren gehen, meines Nutz und Wollust lugen, dann mit Züchten, Dreck und Brunz auswäschen, viel grosser Schrecken nehmen, und meine Glieder lahm knetzschen, und Ziteren machen. Warum wollt ich jemand von der Predig weisen, es wären dann so nöthige Werk der Liebe zu thun, welche die Predigt lehret? Es stosset sich aber niemand so fast an dieselbigen. Man frage alles mein Gesinde, und alle so bey mir je gewohnet und noch wohnen, ob ich sie nit darzu getrieben und vermahnet hab, auch da ihr selbst jetzt 2. 3. Jahre sie mit eueren bösen Scheltworten davon getrieben habet? Darum wer von mir sagte, daß ich die Leuth von der Predig abwende, der redet die Unwahrheit und Lügen auf mich, und wird mir es kein frommer Mensch unter Augen sagen. Ihr alle selbst werdet sie wol von euch und euern Predigten abtreiben, mehr dann mir lieb ist, wann ihr euere Weise wollet behalten, die ihr und Lenglin bisher getrieben habet, und lernen die jungen Schützen jetzt auch von euch, wie ein Aff von dem andern die Schuh nach anthut, die die Heil. Schrift noch kaum lesen, ich geschweige verstehen können, die ihr in die Dörfer zu dem armen Baurs-Volk schicket. Die lästeren die heiligen Männer im Grund, Zwinglin, Oecolampadium, und auch die noch leben, als Bullinger einen Ehren-Mann, vor denen allen sich unsere Alten gebücket haben. Die sollen nun solche Schützen öffentlich auf den Canzlen nennen und Ketzern, deren sie nicht werth sind, die Schuhriemen aufzuthun?

Die Bauren wissen gar viel von solchen Sachen, und wer Zwinglin, Bullinger, Schwenkfeld, und dergleichen sind, aber sie lernens und werden gestärkt von euch. Ihr solltets einer Stadt Straßburg nit zu Schanden thun, die alte Bündniß, so sie aus grosser Lieb und göttlichem Eifer, etwan mit dieser frommen Männer Obrigkeit gemacht haben, also mit Schanden zu erfrischen. Aber also gehet es, wann ein Gauch der Graßmuck ins Nest kommt, und brutet ihr die Eyer aus. Du armes Straßburg! sollen dich jetzt solche Kinder, die noch an Bänken gehen, regieren, und die Straf über dich (um deiner Sünden willen) herzubringen? Das heißt die Prophecey Esaias erfüllet, ich will die alten verständigen und weisen Propheten und Weissager hinweg nehmen, und ihnen Kinder geben und Treiber unter das Volk, eiin jeder über seinen Nächsten. Ihr schreyet sehr um den Predigstul (dem doch niemand nichts thut) man siehet aber wol, wie hübsch und dapfer ihr ihn versehet.

Wolan ich will thun, wie der heilig Daniel in Babel thate, vor meinen GOtt fallen, mein und des Volks Sünd bekennen, und nach den siebenzig Wochen der Erlösung warten meines HErrn JEsu Christi, der alle Sünd bedeckt, und die ewige Gerechtigkeit bracht hat. Ich wollte euch wol sagen, was ihr mit euerem Schelten und Verfluchen bey guten Leuten zugericht habet, will es aber jetzt lassen bleiben. Der HErr JEsus gebe euch Gnad, recht zu thun und zu lehren, in seinem armen Volk, und erhöre abermal und allzeit das herrliche und letzte Gebeth des frommen Matthei Zellen, daß der Bau in Straßburg (den er auf Christum den wahren Felsen und Eckstein) gesetzet hat, nicht verwüstet werde Amen. Ich bitt euch, nehmet für gut diese böse Schrift, aber gute Warnung darinnen (wird sich am grossen Tage erfinden). Ich hab müssen bey Nacht schreiben, dann vor meinem armen Knaben und andern betrübten Leuten, die zu mir kommen, kan ich im Tag nichts thun, dann das Creutz tragen, GOtt helf mir einmal mit Gnaden heim, dann ich allzeit mit meinem frommen Mann, um ein gnädigen Abscheid bitte, und das verhoffe Amn. Datum Donstag nach Liechtmeß, Anno 1557. Catharina Zellin.

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