Calvin, Jean – An Blaurer in Biel (357)

Calvin, Jean – An Blaurer in Biel (357)

Michael Müller war Bannerherr der Stadt Biel. Blaurer hatte in einem Brief geklagt, seine Vaterstadt Konstanz sei, seitdem sie sich von der Reformation abgewendet, der gräulichsten Unsittlichkeit verfallen. Calvins theologische Vorlesungen wurden in einer Kirche (St. Pierre oder Notre-Dame-la-Neuve, jetzt Auditoire) gehalten.

Von den bösen Zeiten.

Dass ich auf deinen ersten Brief so spät antworte, bester Mann und von Herzen verehrter Bruder, ist die Schuld Michael Müllers, der mit seinem Gerede, er reise nächstens ab, mich anderthalb Monate hinhielt. Gestern, als ich zur Vorlesung in die Kirche hinaufging, brachte mir ein junger Mensch deinen Brief. Drei Stunden nachher, kurz vor Nachtessenszeit, ging ich zur Herberge; der Bannherr war nicht da. Etwa um Mitternacht wurde ich von einer heftigen Migräne, die mir zu allzu bekannt ist, ergriffen. Nach der Morgenpredigt musste ich mich legen bis Mittags. Danach musste ich eine Vorlesung hören. Von der komme ich eben zurück und werde mich nun im Schreiben kurz fassen, da mir erstens nur noch ein bisschen Zeit übrig bleibt, und ich auch, von der Migräne her noch angegriffen, zum Faulenzen aufgelegt bin. Der Bannherr reist nun morgen ab, wie mir berichtet wurde. Deshalb kann ich dir nun meinen Johannes-Kommentar nicht einhändigen, wie du wünschest. Aus der Widmungsinschrift wirst du dann sehen, dass er dir schon vorher als Geschenk bestimmt war. Ich lege vier Predigten mit der Erläuterung eines Psalms bei. Für die vier Exemplare des Büchleins über die Prädestination nehme ich nichts, als was er auch dem Buchhändler hätte zahlen müssen.

An unsern Verhältnissen betrübt uns nichts so, als dass das Staatswesen in solche Verwirrung gebracht ist, so dass die Kirche Gottes hier nicht anders als die Arche Noahs inmitten der Wasserwogen der Sintflut umher geworfen wird. Doch ist ihre Lage so, dass der Glaube der Frommen so wenig ins Wanken gerät und ihr Mut so wenig erschüttert wird, wie wenn wir im sichern Hafen ruhten. Wirklich, in welchem Erdenwinkel heutzutage die Kinder Gottes wohnen, überall müssen sie mit außerordentlicher Standhaftigkeit bewehrt sein gegen die wütenden Stürme. Der Kaiser rüstet mit großem Aufwand zum Krieg gegen die Stadt Siena; ein zweites Heer steht ihm in Piemont. Er selbst hebt in Belgien neue Streitkräfte aus, zu einer Wiederholung des Einfalls in die Picardie. Der Franzose rafft Truppen und Geld von allen Seiten zusammen, soviel er aufbringt. Wie diese Kriegsunruhen ausgehen werden, ist nicht leicht zu erraten. Eine merkwürdige Hartnäckigkeit in der Kriegführung zeigte der Graf von Mansfeld, da ihr die strengste Kälte in Sachsen den ganzen Winter hindurch keinen Einhalt tat. Deine armen Mitbürger von Konstanz sind ja nicht nur recht nachsichtig mit sich selbst, sondern geradezu rasend in ihrer Schwelgerei. Sicherlich ist das schon eine furchtbare Strafe Gottes. Denn zweifellos rächt Gott durch diese viehische Maßlosigkeit und den tollen Schwindelgeist die gottlose Verachtung seiner Lehre. Wenn ich auch weiß, wie traurig und bitter für dich ist, was du von der Verblendung deines Volkes schreibst, so muss dich doch der eine Gedanke nicht wenig trösten, dass Gott selbst in dieser Weise sein Siegel setzt auf deine Tätigkeit, die von ihnen so schändlich verachtet wurde.

Ich hätte gerne noch länger geschrieben, aber du musst meine Kürze verzeihen, weil ichs nicht mehr aushalte, ohne zu essen. Lebwohl, hochberühmter Mann und mir sehr verehrter Bruder. Meine Kollegen lassen dich vielmals grüßen und viele andere fromme Leute. Unserm Bruder Justin sage viele Grüße von mir. Der Herr erhalte Euch und Eure Kirche, sei mit Euch, leite Euch mit seinem Geiste und segne Euer frommes Wirken.

Genf, 14. Februar, 5 Uhr Abends 1553.
Von Herzen Dein
Johannes Calvin.

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