Luther an Johannes Draconites

Luther an Johannes Draconites

Dem im Herrn Hochehrwürdigen Herrn Dr. Johann Drachen, treuen Bischof in Waltershausen, seinem geliebtesten Bruder.

Gnade und Friede in Christo! Ich aber, lieber Draco, rathe auf alle Weise, daß ihr euch das Böse nicht überwinden lasset, den Ort zu ändern; sonder daß ihr nach Pauli Rath das Böse mit Gutem überwindet. Gedenket doch, daß ihr nicht um der Bösen wiillen dahin gesetzt seid, sondern um der wenigen Frommen willen. Und wenn ihr die verließet wegen der Bösen, was für einen Stachel des Todesstießet ihr da in euer Gewissen. Wenn ihr nicht dort wäret, müßtet ihr doch um der Guten willen zulaufen und der Bösen nicht achten. Wollet ihr etwa allein ohne Verfolgung, eine Rose ohne Dornen, ein Kind Gottes ohne Satan sein? Und lieber andere Gottlose als diese haben. Man muß das Vertrauen haben, daß auch aus dieser Versuchung Frucht schaffen und ihr endlich die gewinnen werdet, welche euch reuen würde, zu verlassen. Der Herr wird euch ernähren, das glaubet. Ich schreibe aber auch an den frommen Fürsten und bitte, vergebet ihm, wenn er etwas gesündiget hat: wir sind Sünder unter einander, wir müssen einander bekennen und vergeben. So ist dies Leben.

Eure heiligen Bräuche und Ceremonien gefallen mir ganz wohl; nur denket nicht, daß ihr an allen den Eurigen lauter fromme und ruhige Leute haben werdet; sondern danket vielmehr, wenn euch etwa ihrer drei lieben und gerne haben, die anderen aber hassen und verfolgen. Wie viel hat Christus in seinem großen Werk gehabt, die ihm angehangen? Kaum die Geringsten, Schlechtesten und Übrigen von demselben ganzen Israel und auserwählten Volke Gottes. Gehabt euch wohl und betet für mich.

Den 2. Februar 1527

Martin Luther

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Zeitschrift des Vereins für thüringische Geschichte und Alterthumskunde.
Siebenter Band, Erstes Hef
Jena
Friedrich Frommann
1867

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