Luther, Martin – An Oekolampad über Erasmus (Fragment)

Was Erasmus über Dinge des Geistes denkt oder vorgibt, bezeugen hinlänglich seine Schriften, die früheren, wie die letzten. Obwohl ich öfters seine Stacheln fühle, so thue ich doch, als mekre ich sie nicht, weil auch er sich anstellt, als sei er nicht unser offener Feind: ich sehe aber tiefer, als er vielleicht glaubt. Er selbst hat das gethan, zu was er berufen war: er hat die Sprachen eingeführt und von unheiligen Studien abgeleitet: vielleicht stirbt er selbst einmal mit Moses in den Feldern von Moab. Denn zu den besseren Studien (was nämlich die Frömmigkeit anlangt) führt er nicht. Und ich wünschte gar sehr, daß er die Behandlung der heiligen Schrift und seine Paraphrasen sein lasse, weil er zu dergleichen Dingen nicht taugt. Er hat genug dadurch geleistet, daß er das Uebel zeigte: aber das Gute zu zeigen und in das Land der Verheißung zu führen vermag er nicht. Doch warum so viel vom Erasmus? Darum, daß du dich nicht von ihm bestimmen lässest, ja daß es dich sogar freuen soll, wenn ihm etwas von dir mißfällt, weil er über jene Dinge ein ordentliches Urtheil fällen entweder nicht kann oder nicht will. Das fängt jetzt alle Welt schon an, von ihm zu glauben.